Schulerfolg - der Handlungsdruck wächst

26.06.2012 - Scheitern, Schwänzen, abkneifen, erst ein paar Stunden, dann ganze Tage. Schublade: schwieriger Fall, am Ende kein Abschluss, sondern Abgang, Ausschluss, Abtauchen. In welche Statistik auch immer. 7 Prozent, das sind über 50.000 Jugendliche, verlassen jährlich in Deutschland die Schule ohne Abschluss1. In Sachsen-Anhalt waren es 2010 12 Prozent: 1.101 Jungen und 743 Mädchen, 466 kamen aus Förderschulen.

 

Das Bundesland hat damit eine der bundesweit höchsten Abbrecherquoten und schon 2008 begonnen, systematisch dagegen vorzugehen. Hinter dem Programm Schulerfolg sichern!, das aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds finanziert wird, stehen das Kultus- und das Sozialministerium - keine Selbstverständlichkeit in der zuständigkeitsfragmentierten deutschen Bildungslandschaft. Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung bringt ihre Erfahrungen beim Aufbau und Moderieren von Unterstützungsnetzwerken und multiprofessionellen Teams mit ein. Um die Hälfte weniger Klassenwiederholungen will Sachsen-Anhalt 2013 haben. Die Quote der Schulabbrecher soll auf 8,6 Prozent sinken. Trotz der neuen Sozialarbeiter an 207 Schulen gibt es jedoch noch keine deutliche Veränderung in den Zahlen. „Einen raschen Erfolg hatten wir auch nicht erwartet“, so Prof. Olk von der Universität Halle, der das Programm wissenschaftlich begleitet.


Ein ganzes Maßnahmenbündel wurde angeschoben: u.a. kümmern sich regionale Netzwerkstellen gegen Schulversagen um engere Kooperation zwischen Schule, Jugendhilfe, Kommunen und Schulaufsicht. Sie organisieren zusätzliche Bildungsangebote und Coachings, die auf die Besonderheiten und Bedürfnisse der Region zugeschnitten sind.

Multiprofessionalität entlastet

„Eine unserer wichtigsten Aufgaben besteht darin, neben einem guten und kindgerechten Unterricht eine Schule zu gestalten, in der sich alle wohlfühlen können. Schulsozialarbeit nimmt dabei einen unverzichtbaren Stellenwert ein“, meint Andrea Fellbaum, Leiterin einer Sekundarschule aus Halberstadt. Schulsozialarbeiter bringen neue Qualifikationen und Erfahrungen mit in das Pädagogenteam. Sie können Heranwachsenden ein ganz anderer Ansprechpartner sein: Einer, der nicht bewertet und benotet, sondern Zeit hat, auch mal länger zuzuhören, und der Mut machen kann, an sich selbst zu glauben. Doch Schulsozialarbeit allein könne Schulversagen nicht verhindern, betont der Zwischenbericht von Evaluator Olk. Sie müsse strukturell in den Schulalltag und die Schulgremien eingebunden und von den Lehrkräften nicht nur als Feuerwehr für schwierige Fälle betrachtet werden.

Verbündete gewinnen

„Das kommt bereits in immer mehr Schulen an“, so Dr. Steffen Kleint von der zentralen Koordinierungsstelle in Magdeburg. Schulerfolg sei in erster Linie Erfolg oder Nichterfolg des Systems Schule, sagt er. „Wir brauchen Lehrerinnen und Lehrer, die immer weiter dazu lernen, aber wir dürfen die Schulen mit ihren Aufgaben nicht alleinlassen.“


Er ergänzt: „Eine Schule, die sich darauf einstellt, dass sich in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen viel verändert hat, geht schon den ersten erfolgreichen Schritt.“ Auch die Kommunen und Betriebe erkennen zunehmend, dass sich die hohen Abbrecherquoten schlicht keiner mehr leisten kann. Der demographische Wandel löst das Problem nicht, sondern verschärft es noch, wenn immer weniger Anwärter auf Lehrstellen die nötige Zeugnisse und Kompetenzen mitbringen können. Steffen Kleint verweist auf die 14 eingerichteten Netzwerkstellen Schulerfolg. Sie stehen bereit, um gemeinsam mit den Schulen, kommunalen Verantwortlichen und Jugendhilfeträgern Lösungen zu finden oder zu entwickeln: für Schüler, die gerade vorm „Abbruch“ stehen oder für ebenso wichtige präventive und langfristige Maßnahmen. Dass noch viel Potential in einer engeren Zusammenarbeit steckt, bilanziert auch die Evaluation. „Wir arbeiten jetzt daran, auf allen Ebenen auf das Thema aufmerksam zu machen und noch mehr Unterstützer zu gewinnen“, berichtet Steffen Kleint.


Weitere Infos zum Programm und einzelnen Modulen finden Sie im Programmflyer und auf der Internetseite von Schulerfolg sichern.


Foto: Masterpress Pressefotoagentur/Markus Proßwitz

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