Alle wollen, dass sich ihre Kinder gut entwickeln

Ein Reportage von Beate Krol

Das Team der Kita Neue Steinmetzstraße im Berliner Bezirk Schöneberg wollte mehr sein, als bloß eine Kita. Vor fünf Jahren wandelte sich die Einrichtung deshalb in ein Kinder- und Familienzentrum um. Ein Konzept, das allen gut tut: den Kindern, den Eltern, den Erzieherinnen und auch dem Stadtteil.  Als der Wolf an die Tür des zweiten kleinen Schweinchens klopft, ist es um Paula geschehen. Die Augen weiten sich, der Mund zittert, dann wirft sich die Dreijährige schluchzend in die Arme der Erzieherin. Die Vorstellung, dass die drei kleinen Schweinchen vom Wolf gefressen werden könnten, ist einfach zu schrecklich. „Die brauchen eine Mutter!“, ruft das Mädchen.

Die Kraft des Erzählens ist riesengroß. Zum Glück ist Silvia Freund vom Berliner Verein „Erzählkunst“ ein Profi. Als Paula in Tränen ausbricht, lässt sie die Schweinchen schnell entkommen und stellt ein paar Fragen. Während die anderen Kinder antworten, löst Paula vorsichtig die Arme vom Hals der Erzieherin. Als sich der Wolf auf den Weg zum Haus des dritten kleinen Schweinchens macht, hört sie wieder gebannt zu.

Die Sprache ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Bildungsbiografie. Davon ist die Leiterin der Berliner Kita Neue Steinmetzstraße, Ute Römer, überzeugt. Der Besuch der Erzählerin vom Verein „Erzählkunst“ ist ein wichtiger Baustein: In den vierzig Minuten, die ein Märchen dauert, lernen die Kinder zuzuhören und sich zu konzentrieren, entwickeln Fantasie und Empathie. Außerdem erweitern sie ihren Wortschatz. In dem Märchen von den drei kleinen Schweinchen kommen Wörter wie zausen, schleppen, Kelle und unermüdlich vor. Wörter, die auch Kinder aus Familien mit Deutsch als Muttersprache nicht oft hören.

Im ganz normalen Kita-Alltag bringen die Erzieherinnen die Kinder immer wieder durch geschicktes Fragen zum Reden. Außerdem beschreiben sie laut ihre eigenen Handlungen, damit die Kinder ein Gefühl für vollständige Sätze und Grammatik bekommen. Das geht bereits in der Nestgruppe los.

Der Sohn von Emine Cavus hat davon profitiert. Anders als seine Mutter, die mit 12 Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam, spricht er fließend Deutsch. Auch dass die Kinder in der benachbarten Grundschule turnen, zum Schwimmen gehen, an Lernwerkstätten teilnehmen, mit einem Musikpädagogen musizieren und Ausflüge machen, schätzt die vierfache Mutter sehr. Ebenso wie das Ernährungskonzept, an dem sie als Vertretungsköchin der Kita mitwirkt. In ihrem Familien- und Bekanntenkreis hat Emine Carvus für die Kita Neue Steinmetzstraße deshalb schon oft geworben. „Das Alter zwischen 0 und 6 ist ganz wichtig“, sagt sie, „die Kinder lernen leichter, wenn sie klein sind.“

2006 hat der Träger „INA.KINDER.GARTEN“ den ersten Stock des flachen 50er-Jahre-Baus in ein Familienzentrum umgebaut, damit dort Seminare und Kurse stattfinden können. Als Vorbild dienten der Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin die englischen Early Excellence Center. Anders als die klassische Kita setzen sie bei den Familien an. Ein Konzept, das Ute Römer, die während des Studiums als Familienhelferin gearbeitet und später noch einmal Intercultural Education studiert hat, sinnvoll findet. Die Neue Steinmetzstraße liegt an der Grenze zu Schöneberg-Nord. Der Stadtteil, in dem auch der von Touristen viel fotografierte Sozialpalast liegt, gilt als strukturell benachteiligt. Die Einkommen und der Bildungsgrad sind niedrig, die Arbeitslosigkeit ist, vor allem unter den jungen Männern, hoch. Viele der Kinder, die unter der Obhut ihrer Mütter auf den verkehrsberuhigten Straßen spielen, sprechen nur gebrochen deutsch.

Genau diese Kinder und Mütter will das Kita-Team mit seinem Angebot erreichen. Dazu hat es sich eng mit anderen Einrichtungen im Kiez vernetzt. Die VHS veranstaltet Deutschkurse in den Räumen des Familienzentrums, der Verein „Jugendwohnen im Kiez“ lädt zur offenen Spiel- und Krabbelgruppe und dem Kurs „Starke Eltern, starke Kinder“ ein. Die „Kiez Oase“ des Pestalozzi-Fröbel-Hauses ist mit dem Familienbildungsprogramm FuN und einer Erziehungs- und Familienberaterin präsent. Das Quartiersmanagement finanziert zusammen mit dem Träger einen „Offenen Treff für Schwangere und Mütter mit jungen Kindern“, der von einer Familienhebamme geleitet wird,

Emine Cavus empfindet dieses Angebot als große Bereicherung. Als ihr Jüngster in einer schwierigen Entwicklungsphase steckte und sie nicht mehr weiter wusste, hatte sie von seiner Erzieherin den Tipp bekommen, sich bei dem Kurs „Starke Eltern, starke Kinder“ anzumelden, der von einer Psychologin geleitet wird. Die Gespräche in der Gruppe und die Hinweise der Psychologin haben ihr gut getan. Heute macht sie manches anders. „Man überfordert Kinder schnell“, sagt sie.

Auch der Kurs von Familienhebamme Katja Stricker ist beliebt. Bis zu 15 Frauen finden sich jeden Mittwochmorgen in dem Gymnastikraum des Familienzentrums ein. Die erste halbe Stunde ist den Schwangeren vorbehalten, die Atem- und Entspannungsübungen machen. Dann stoßen die jungen Mütter mit ihren Säuglingen und Kleinkindern für eine weitere Stunde Gymnastik dazu. Danach ziehen alle zum gemeinsamen Frühstück in die gemütliche offene Küche um, um sich auszutauschen.

Hat Katja Stricker erst etwas gestutzt, als Ute Römer anrief und vorschlug, in die Kita zu kommen, findet sie die Idee heute „vollkommen einleuchtend“. „Durch die Kita kriege ich Frauen, die sonst keine Kurse belegen.“ Viele Schwangere und junge Mütter mit Migrationshintergrund tun sich aufgrund von familiären Verpflichtungen mit den zeitlich begrenzten Kursen der Krankenkassen schwer. Bei dem offenen Treff der Familienhebamme können sie zwischendurch auch mal aussetzen. Sprachprobleme löst die Familienhebamme mit der Kamera. Weil manche der Frauen kein Deutsch oder auch gar nicht lesen können, dokumentiert sie die Entwicklung der Schwangerschaft und später der Kinder in Fotobüchern. „Das ist der Renner“, sagt sie.

Gleichzeitig verbessern die Frauen ihre Deutschkenntnisse. Das südliche Einzugsgebiet der Kita ist bürgerlich geprägt, weshalb im Schwangerschafts- und Müttertreff auch viele deutsche Frauen sind. Außerdem hat die Familienhebamme schon etliche Frauen an den Deutschkurs der VHS „verloren“. „Die Frauen animieren sich gegenseitig“, sagt Katja Stricker.

Das gilt auch für andere Kurse. Viele der Mütter wechseln in die Krabbelgruppe, wenn ihre Kinder zu groß für den Hebammenkurs geworden sind. Der nächste Schritt ist dann oft die Anmeldung der Kinder in der Kita ein Stockwerk tiefer. Dort finden die Eltern mehrsprachige Wochenpläne und Infozettel. Außerdem hängen an den Wänden der Gruppenräume Familienposter, die das Kind mit seinen Eltern und Verwandten zeigen. Sind die Eltern keine deutschen Muttersprachler, sind die Erklärungen zu den Fotos zusätzlich in der jeweiligen Familiensprache verfasst.

Susanne Kamp, die dem Elternbeirat vorsitzt und zwei Kinder in der Kita hat, beobachtet immer wieder, dass sich Kinder anhand der Poster ihre Familien zeigen. Aber auch sie selber schaut sich die Fotos und Bildunterschriften gern an. Dabei fällt auf, dass die Familien bei allen kulturellen und sozialen Unterschieden viel verbindet. Kinder und Eltern umarmen sich auf den Fotos, lachen miteinander, machen Ausflüge und besuchen Verwandte. Auch sonst sind sich die Familien oft weniger fremd als gedacht. „Alle wollen, dass sich ihre Kinder gut entwickeln“, sagt Susanne Kamp.

In den Sitzungen des Kita-Rats spielen Förderprogramme deshalb eine große Rolle. Meist stellen die Eltern allerdings fest, dass Ute Römer sich bereits darum gekümmert hat. „Das haben wir schon“ heißt es dann. Darüber hinaus hält die Kitaleiterin Kontakt zu den lokalen Institutionen, die ebenfalls Projektfinanzierungen übernehmen und Fachkräfte stellen. Auch das Jugendamt Schöneberg-Tempelhof trägt zum Bildungsangebot der Kita Neue Steinmetzstraße bei.

Sie alle sind von der Entwicklung der Kita zum Familienzentrum überzeugt. „Ein Familienzentrum ist effektiver als spätere Defizitarbeit“, sagt Beate Lubitz, Jugendamt Tempelhof-Schöneberg, Regionalleiterin Schöneberg Nord. „Die Eltern öffnen sich für eine gesunde Entwicklung ihres Kindes und es wird selbstverständlich, dass sie ihr Kind begleiten.“

Aber auch die Erzieherinnen profitieren. Zwar stehen immer wieder fremde Menschen im Kita-Flur, denen sie den Weg zum Familienzentrum zeigen oder Fragen beantworten müssen, dafür können sie bei Problemen an die Experten im Haus oder in den angeschlossenen Einrichtungen verweisen. „Erzieherinnen sind schließlich keine Hebammen oder Psychologen“, sagt Ute Römer.

Ute Römer kann das Konzept des Kinder- und Familienzentrums daher nur empfehlen. Sie selbst hat sich ihr erstes Early Excellence Center während eines Urlaubs in London angeschaut. Auch Berlin ist immer eine Reise wert. Die Türen im Kinder- und Familienzentrum Neue Steinmetzstraße stehen offen.

Feedback:
Social Networks:FacebookTwittergoogle.comMister Wong