„Ich begleite Themen, die einzelne Zuständigkeitsbereiche sprengen“

Mehr Bildungsgerechtigkeit entsteht nicht auf Knopfdruck, sondern ist ein langer Prozess. Stefanie Teichmann sorgt als städtische Bildungskoordinatorin dafür, dass die richtigen Menschen zusammen kommen und in den Ämtern und vor Ort alle Akteure auf dem Laufenden bleiben.

Eine Besonderheit an der Stadt Jena ist, dass es dort einen Menschen wie Sie gibt. Was macht eine Bildungskoordinatorin?


Wir bauen in zwei Stadtteilen lokale Bildungslandschaften auf. Diesen Prozess begleite ich. Dazu gehört, dass ich Netzwerktreffen organisiere und moderiere, bei denen Träger aus der Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit und den Hilfen zur Erziehung mit Schulen Strategien und Angebote für das jeweils kommende Schulhalbjahr planen. Die Angebote sollen an oder mit Schule soziales Lernen ermöglichen, Begabungen der Kinder und Jugendlichen fördern und Exklusion  vermeiden. Es kann aber auch sein, dass mich jemand aus der Stadt anruft, zum Beispiel die Schuldnerberatung, und fragt: Haben die Schulen Bedarf bei diesem Thema? Dann kann ich sagen: `Ja, diese und jene Schule braucht so etwas.´ Oder: `Ich kenne diesen und jenen Träger, der auch zu dem Thema arbeitet.´ Dann vermittele ich ein Treffen. Ein anderes wichtiges Thema in der Stadt ist Inklusion, an dessen Bearbeitung ich mit beteiligt bin.  U.a. sollen die Rahmenbedingungen für den Gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf verbessert werden -  die Einbindung von Schulen in die lokalen Bildungslandschaften ist dabei ein Teilaspekt, mit dem wir uns beschäftigen.

Wo ist Ihre Stelle in der Verwaltung angesiedelt?

Ich gehöre dem Team Integrierte Sozialplanung an, das direkt dem Dezernenten für Familie und Soziales unterstellt ist.  Zu dem Team zählen außerdem die Sozialplanerin, die Jugendhilfeplanerin,die Altenhilfeplanerin, der Beauftragte für Menschen mit Behinderungen und eine Mitarbeiterin für Statistikfragen.

Welche Vorteile hat es, dass Sie nicht in die normale Ämterstruktur eingebunden sind?

Das Besondere ist, dass wir fachübergreifend agieren können. Typisch für meine Stelle ist zum Beispiel, dass ich im Jugendamt an den Dienstbesprechungen beider Fachdienste teilnehme oder Projekte koordiniere, die nicht eindeutig einem Fachdienst im Dezernat zuzuordnen sind. Dadurch kann ich Themen begleiten, die den einzelnen Zuständigkeitsbereich sprengen. Eine Jenaer Schule verfügt beispielsweise über zwei Räume, die von externen Partnern aus dem Stadtteil genutzt werden sollen. Ich bin derzeit bei den inhaltlichen und organisatorischen Absprachen die Schnittstelle zwischen Schule, Jugendarbeit und Gemeinwesenarbeit. Es ist  bekanntermaßen ein Problem, dass sich bei Themen, die mehrere Bereiche in der Verwaltung betreffen, oft keiner zuständig fühlt, wenn niemand explizit verantwortlich ist.

Wie reagieren die Kollegen in den Ämtern auf jemanden, der direkt vom Dezernenten kommt?

Mein Eindruck ist, dass sie das schätzen. Dadurch, dass ich mit Schule und Jugendhilfe zusammen arbeite, bringe ich die Bereiche zusammen und halte die Kommunikation aufrecht. Außerdem werde ich vor Ort als neutral wahrgenommen, was auch die Arbeit in den Ämtern erleichtert. Ich gehöre nicht dem einen oder dem anderen Fachdienst an, sondern bin die Bildungskoordinatorin. Da wird nichts projiziert.

Und wie kommt ein Dezernent auf die Idee, eine solche Stelle überhaupt zu schaffen?


Unserem Dezernenten liegen Bildungschancen und Bildungsgerechtigkeit sehr am Herzen. Er ist selbst Lehrer und war Leiter des staatlichen Schulamtes. Außerdem spielt Bildung in Jena traditionell eine starke Rolle. Wir haben mit der Jenaplanschule eine lange reformpädagogische Tradition und es gibt viele staatliche und freie Schulen, die mit reformpädagogischen Elementen arbeiten. Auch die Bildungslandschaften sind von unten gewachsen. Und das traf sich mit dem Bestreben der Verwaltung, mehr Verantwortung für kommunale Bildungsprozesse zu übernehmen.


Das Interview führte Beate Krol
Foto: DKJS

 

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