Initiative in Neuenhof — Spielend lernen in einem Haus

Die Initiative in Neuenhof gibt Anschwung für ein Bildungshaus: In der thüringischen Gemeinde Neuenhof wollen Kindertagesstätte und Grundschule zum Bildungshaus verschmelzen. Noch arbeiten Lehrerinnen und Erzieherinnen an einem gemeinsamen pädagogischen Konzept. Anfang des Jahres 2013 solllte es der Stadt Eisenach vorgelegt werden.

 
von Christina Wittich
 
Der Abend ist bereits fortgeschritten. Ruhig und konzentriert schmieden fünf Frauen und ein Mann bei Minipizzen und Kaffee Pläne für das neue Bildungshaus in der Gemeinde. Denn am pädagogischen Konzept soll es nicht scheitern. Es ist längst nicht der erste Feierabend, den die Bürgermeisterin, die Erzieherinnen, Lehrerinnen und Eltern aus den umliegenden Dörfern und Gemeinden gemeinsam im Bürger-Büro verbringen. Ab dem kommenden Jahr wollen sie zusammen im neuen Bildungshaus arbeiten. Das Programm  Anschwung für frühe Chancen unterstützt sie bei diesem Vorhaben. Prozessbegleiterin Katrin Zwolinski hilft mit ihren Kompetenzen als Moderatorin, damit die Arbeitstreffen produktiv und lösungsorientiert von statten gehen.
 
Noch befindet sich das Projekt allerdings in der Entwicklungsphase. Bereits seit Januar dieses Jahres treffen sich die Erzieherinnen, die Lehrerinnen, Vertreter der Politik und Eltern regelmäßig, um ein Konzept zu entwerfen. Ein Haus für ihre Idee ist bereits vorhanden: Dort, wo bislang noch die Grundschule ihren Sitz hat, soll ab 2013 auch der Kindergarten einziehen. „Wir wollen aber nicht nur zwei Einrichtungen in einem Gebäude haben, sondern etwas Neues schaffen“, sagt Ortsteilbürgermeisterin Gisela Büchner. Sie verhinderte 2011 mit ihrem Vorschlag, Kita und Grundschule zusammenzulegen, die geplante Schließung der Dorfschule. Einzige Bedingung: Bis März 2013 muss ein ausgereiftes Konzept beim Thüringer Kultus-ministerium vorliegen.
 
Die Folgen einer Schließung, sagt Gisela Büchner, wären aufgrund der demographischen Entwicklung weit gravierender als einfach bloß der Wegfall einer Bildungsstätte: „Wenn wichtige Einrichtungen wie Kindergarten und Schule nicht mehr vorhanden sind, ziehen auch keine jungen Familien mehr in den Ort“, sagt sie. „Eine Grundschule im Dorf steht für dessen Zukunft“.
Der einzige Mann in der abendlichen Runde ist Bernd Wächter. Stellvertretend für die Schulverwaltung der Stadt Eisenach sitzt er im Stuhlkreis und hört den Frauen zu. In seiner Abteilung bewege man sich „im Spannungsfeld zwischen der Planung eines effektiven Schulnetzes in Zeiten sinkender Schülerzahlen und der Zukunft eines Ortes wie Neuendorf“, sagt er. Soll die Schulverwaltung das Bildungshaus befürworten, brauche sie einen konkreten Plan, konkrete Fakten. Bernd Wächter fragt nach dem Bedarf an Betreuungs-plätzen für die Jüngsten, nach Schülerzahlen, interessiert sich für notwendige Umbaumaßnahmen, nach Kosten, die entstehen oder eingespart werden. Mitte Januar 2013 wird das Konzept des Bildungshauses in seiner Abteilung diskutiert. Bis dahin haben die Frauen noch viel zu recherchieren.
 
Die Zukunft, die alle Beteiligten sichern wollen, mutet heimelig an: gemeinsames Lernen und Spielen in der Nähe des Wohnortes bis zum zehnten Lebensjahr. „Kurze Beine, kurze Wege“, formuliert es eine Mutter, „bruchlose Bildungsbiografien, individuelle Förderung, naturnaher Unterricht. „Die Umgebung des Ortes bietet Wald, Wiesen, Teich und Fluss. Somit ist ein Lernen in und mit der Natur jederzeit, an verschiedenen Biotopen, möglich“, sagt Kristin Stegmann. „Das Umfeld des Bildungshauses ist familiär und von dem Gemeindeleben geprägt. So finden viele gemeinsame Projekte für und mit den Anwohnern der Gemeinden statt.“ Die junge Frau ist Mitglied im Elternbeirat der Kindertagesstätte „Senfkorn“. Für das Konzept hat sie eine Beschreibung des Schulgebäudes und seiner besonderen Lage formuliert. Die Frauen stimmen ab, ob der Entwurf so übernommen werden kann. Kristin Stegmann mahnt zur Eile und zu mehr Transparenz. In den Gesprächen mit anderen Eltern habe sie „eine nicht erfreuliche Skepsis“ mitbekommen, „weil über das Konzept noch sehr wenig bekannt ist“. Vermutungen, wie „hier entsteht eine Art Waldorfschule “ sind zu hören. „Die Zeit rennt und die Eltern tendieren dazu, ihre Meinung zu Ungunsten des Bildungshauses zu ändern“, sagt Kristin Stegmann. Eine transparentere Kommunikation wäre vonnöten. Deshalb organisiert die Gruppe im Januar eine Informationsveranstaltung.
 
Tatsächlich wäre das Neuenhofer Bildungshaus das erste seiner Art in Thüringen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung definiert die Einrichtung als Ort, an dem „Kinder aufgenommen werden, wenn sie drei Jahre alt geworden sind, in der sie sieben Jahre lang qualifizierte Bildung erfahren und die sie dann in Richtung einer weiterführenden Schule wieder verlassen“. Bisher wurde die Idee vor allem in den alten Bundesländern und Berlin umgesetzt. Das Land Niedersachsen lässt seine Bildungshäuser wissenschaftlich begleiten. Ein Grund mehr, sagt Prozessbegleiterin Katrin Zwolinski, weshalb die Neuenhofer Pädagogen Mitte Dezember ins niedersächsische Emmerthal reisten, eine vom  Dresdner Anschwung-Servicebüro organisierte Hospitationsreise. Mit den Praxiserfahrungen der dortigen Kollegen, hofft Katrin Zwolinski, lassen sich bestimmt „ein paar Stolpersteine von vornherein umgehen“.
 
Grundsätzlich sind sich alle einig: „Wir haben hier die Möglichkeit, Synergien zu schaffen und etwas Vernünftiges zu tun“, sagt Gisela Büchner. Was den Pädagogen noch fehlt, ist eine gemeinsame Linie im Detail. An diesem Abend tauschen sich Erzieherinnen und Lehrerinnen zum Beispiel darüber aus, wie sie die Entwicklung der Kinder beobachten und festhalten. Sie reichen Ordner herum, prall gefüllt mit selbst gemalten Bildern, Urkunden, Fotos, gepressten Blättern und Blüten, kurzen Texten der Erzieher. Portfolio nennen sie die Sammlung. Jedes Kind darf selbst entscheiden, wer darin blättern darf. In diesem Fall hat der kleine Junge seine Erlaubnis gegeben. Zu sehen sind fröhliche Momentaufnahmen eines blonden Jungen, der gern im Wald spielt, seine große Schwester liebt und beim Frühsport munter mitturnt. Das Portfolio seiner Schwester, die bereits die Grundschule besucht, ist etwas dünner. Urkunden hat sie darin abgeheftet, erste Schreibversuche, Fotos und Bilder. Es gibt keine großen Unterschiede, wie Erzieherinnen und Lehrerinnen die Fortschritte der Kinder dokumentieren, stellen alle an diesem Abend fest. Auch in anderen Bereichen möchten sie „das Gute von beiden Seiten beibehalten und gemeinsam optimieren“, sagt Kerstin Wollenhaupt, die Leiterin der Grundschule. Zum Wohle der Kinder und der Thüringer Bildungslandschaft. „Unser Bildungshaus könnte Vorreiter sein“, sagt Kerstin Wollenhaupt. Reibungslose Übergänge zwischen Krippe, Kita und Grundschule, verlässliche Bezugspersonen bis zum 10. Lebensjahr, spielerisches Lernen an den individuellen Fähigkeiten des jeweiligen Kindes ausgerichtet, eine behütete Kindheit auch außerhalb des Elternhauses und ausreichend Freiraum, die eigene Welt zu entdecken. Im Thüringer Bildungsplan ist diese Vision auf mehr als 160 Seiten formuliert. Das Neuenhofer Bildungshaus wäre die erste Einrichtung in der Region, die ihn eins zu eins in die Praxis umsetzt.

 

 

Mehr Infos zur Anschwung-Initiative in Neuenhof finden Sie hier.


Zum Programm Anschwung für frühe Chancen geht's hier.

 
Foto: Piero Chiussi

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