"Es ist wichtig, die Eltern so zu nehmen, wie sie sind"

Erika Werner leitet die Kita Emmaus im rheinland-pfälzischen Gillenfeld (Rheinland-Pfalz). Im Interview berichtet Sie, wie die Kita-Praxis aussieht, wenn man vom Kind aus denkt und welche Bildungspartner dafür an einen Tisch müssen.


Was muss sich in unserer Sicht auf das Kind ändern?

Wir müssen an ganz vielen Stellen noch lernen, vom Kind aus zu denken. Ein Beispiel: Wenn ein Kind eine Entwicklungsverzögerung hat, müssen die Eltern mit ihm zur Frühförderstelle fahren. Da ist schnell der halbe Tag weg, wegen einer Dreiviertel Stunde Therapie! Wir haben entschieden, dass die Logopäden und Ergotherapeuten zu uns in die Einrichtung kommen. Das Kind kommt morgens ganz normal in die Kita und geht irgendwann in den Nebenraum zur Therapie – ohne sich dabei wie eine Extrawurst vorzukommen. Und wenn die Eltern mal keine Zeit haben, an der Therapiestunde teilzunehmen, springen die Erzieherinnen ein. Das hilft uns, den Eltern – aber vor allem den Kindern.

Welche Herausforderungen bringt der „Perspektivwechsel Kind“ für Erzieherinnen und Erzieher mit sich?

Wir müssen uns ständig fortbilden. Ich mache gerade einen Bachelor-Abschluss in „Bildungs- und Sozialmanagement mit Schwerpunkt frühe Kindheit“. Das hat drei meiner Kolleginnen angeregt, ebenfalls ein Studium aufzunehmen. Die dualen Studiengänge finden freitags und samstags statt, dafür werden wir freitags von unserem Träger freigestellt. Aber auch Veranstaltungen, wie sie die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung anbietet, auf denen man sich mit Kollegen anderer Einrichtungen austauschen kann, sind sehr wichtig.

Es gibt also keine Schwierigkeiten sich fortzubilden?

Wir haben Glück mit unserem Träger, der uns dabei sehr unterstützt. Es gibt aber noch viele Träger, die die Notwendigkeit einer Fortbildung nicht einsehen. Der andere Aspekt ist die Qualität der Weiterbildungen. Die Angebote sind in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen, aber viele lassen die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse, wie etwa die der Gehirnforschung vollkommen außer Acht. Man muss sehr kritisch hinschauen.

Beim „Perspektivwechsel Kind“ kommt es auf eine gute Zusammenarbeit aller Bildungsakteure an. Auf welche Probleme stoßen Sie in Ihrer Kommune?

Eine gute frühkindliche Bildung gelingt nur, wenn wir alle an einem Strang ziehen und dabei die vorhandenen Ressourcen nutzen. Die Kommunen stehen vor großen Herausforderungen: Sie müssen mit immer weniger Geld auskommen und der demografische Wandel macht es nicht einfach, alle Einrichtungen aufrechtzuerhalten. Doch statt an den Kindern zu sparen, müssen wir die Strukturen verändern. Wir hatten die Idee, in unserer Kita ein Seniorenessen einzuführen. Von einem solchen Generationenaustausch würden die Älteren und die Kinder profitieren. Doch weil wir eine Einrichtung der Jugendhilfe sind, dürfen wir bis jetzt keine zusätzlichen Essen kochen und verkaufen. Da müssen noch viele dicke Bretter gebohrt werden.

Wichtige Bildungsakteure sind nicht zuletzt die Eltern. Wie schaffen Sie es, die Eltern als Partner zu gewinnen?

Die Zusammenarbeit mit Eltern ist sehr wichtig, deshalb nehmen wir am Programm „Mittel.Punkt – die Familienkitas“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung teil. Im Rahmen des Programms haben wir unter anderem das „Elternkaffee“ eingeführt. Damit wir möglichst viele Eltern erreichen, ist das Treffen freiwillig und umsonst. Die Eltern können mit uns und den Therapeuten sprechen oder sich einfach untereinander austauschen. Es gibt Eltern, die seit der Geburt des Kindes nicht groß rausgekommen sind, für sie sind es wichtige soziale Kontakte.

Es gibt aber sicherlich auch Eltern, an die schwieriger heranzukommen ist?

Es ist wichtig, die Eltern so zu nehmen, wie sie sind. Einige Kolleginnen haben Probleme damit und müssen geschult werden, (auch) die Eltern da abzuholen, wo sie stehen und sie zu unterstützen. Wir hatten einmal eine junge Mutter, deren vierjähriger Sohn einen besonderen Förderbedarf hatte. Der ältere Sohn wurde der Frau bereits vom Jugendamt weggenommen und die Familie wurde sozialpädagogisch betreut. Kurze Zeit später ist die Frau erneut schwanger geworden. Was macht man in so einem Fall? Wir haben gesagt, wir nehmen das Kind als Krippenkind auf, aber die Mutter muss mit in die Kita kommen. Sie hat dann ein halbes Jahr in unserer Einrichtung verbracht und von uns gelernt, wie man mit einem Kind spricht und wie man mit ihm Zeit verbringen kann. Der Bruder konnte später ganz normal eingeschult werden, weil alle Fördermaßnahmen bei uns in der Kita stattfanden. Die Mutter fängt jetzt eine Ausbildung an und sagt, sie möchte, dass ihre Kinder stolz auf sie sind. Dass es so gut geklappt hat, lag vor allem daran, dass alle an einem Strang gezogen haben, von der Kita übers Jugendamt bis hin zu der Logopädin und Heiltherapeutin. Und ich denke, die Kinder werden später keine besondere Fürsorge nötig haben.

Das Interview führte Katharina Zabrzynski auf der Veranstaltung "Kinder stärken, aber wie?" im Rahmen des Programms Anschwung für frühe Chancen.


Foto: Robert Herschler

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