„Wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir den Teufelskreis nicht durchbrechen“

Man nehme: viel Kreativität, ein hohes Maß an Kooperationsfähigkeit, reichlich Hartnäckigkeit und etwas Frustrationstoleranz – dann geht es auch in einer hoch verschuldeten Stadt wie Oldenburg mit der Bildungsgerechtigkeit voran. Lore Puntigam ist Jugendhilfeplanerin im Oldenburger Amt für Jugend, Familie und Schule.  

Die Stadt Oldenburg steht unter Haushaltsvorbehalt. Trotzdem hat sie umfassende Maßnahmen für mehr Bildungsgerechtigkeit beschlossen. Wie erklären sie diese zusätzlichen Ausgaben der Kommunalaufsicht?

Wir erleben in Oldenburg die zweite und dritte Generation armutsbetroffener Familien. In vielen dieser Familien muss die Jugendhilfe eingreifen, weil die Ressourcen der Eltern nicht ausreichen, um ein Kind aufzuziehen. Wir tun uns als Stadt also überhaupt keinen Gefallen, wenn wir den Teufelskreis von Bildungsbenachteiligung und Armut in der nächsten Generation nicht durchbrechen.

Was unternimmt Oldenburg, um die Situation zu verbessern?

Wir hatten das Glück einen Dezernenten zu haben, dessen Glaubensbekenntnis lautet: Die intelligenteste Form von Sozialpolitik ist Bildungs- und Teilhabepolitik. Davon ausgehend haben alle Ämter anhand von statischen Daten geguckt: Wo sind unsere Stärken und Schwächen als Stadt Oldenburg? Auf dieser Basis sind dezernatsübergreifende Detailpläne entstanden,  wo es um all das geht, was vor Eintritt in die Schule geschehen kann.  Parallel dazu haben wir das Rahmenkonzept „Kooperative Ganztagsbildung“ für Grundschüler entwickelt und im Rahmen des Projekts „Weiterentwicklung der Oldenburger Bildungslandschaften“ die Sekundarstufe I neu beordnet. Das heißt, wir haben, bevor das Land diesen Schritt beschlossen hat, Haupt- und Realschulen zu kooperativen Einheiten zusammen gefasst und eine zusätzliche Integrierte Gesamtschule geschaffen. Ein anderer wichtiger Punkt ist die Schaffung eines Netzwerks für ein verbessertes Übergangsmanagement von der Schule in den Beruf, an dem Vertreter der Arge, der Kammern, der Schulen und der Stadtverwaltung beteiligt sind. Wir haben aber zum Beispiel auch ein Konzept gegen Schulabsentismus entwickelt. Und – ganz wichtig – wir haben angefangen das Jugendamt mit dem alten Amt für Schule und Sport zu einem Amt für Jugend, Familie und Schule zu verschmelzen.

Was verspricht sich die Stadt von einem neuen Amt?


Wir glauben, dass man eine lokale Bildungslandschaft sehr viel besser steuernd anpacken kann, wenn die Bereiche Schule und Jugendhilfe zusammen gehen. Außerdem deutet sich an, dass die Verschmelzung auch Auswirkungen auf die Politik hat. Zum Beispiel erkennt unser Fachausschuss Schule mehr und mehr, dass er nicht nur für die äußeren Angelegenheiten von Schule zuständig ist, also Räume, Sekretärin, Hausmeister, Lernmitteln, sondern dass durch bestimmte Strukturmaßnahmen auch Bildungspolitik gemacht werden kann. Welche Schulformen wir haben wollen, da dürfen wir beispielsweise als Kommune deutlich mitreden.

Wodurch zeichnet sich die „Kooperative Ganztagsbildung“ für Grundschüler aus?

Wir haben in Niedersachsen grundsätzlich verlässliche Grundschulen, und in dem Nachmittagsteil wollen wir auf der Basis von 20er Gruppen mit jeweils zwei Fachkräften Angebote machen. Dabei soll jedes Tandem aus einer sozialpädagogischen Fachkraft und einer Fachkraft aus dem Bereich Sport oder Kultur bestehen. Auf diese Weise können die Kinder unabhängig vom Geldbeutel der Eltern unterschiedliche Bewegungs- und Kulturangebote kennenlernen und dabei auch Stärken jenseits der schulischen Anforderungen entdecken. Und das macht natürlich auch was mit dem Selbstbewusstsein der Kinder. Im Idealfall wachsen ihre Neugier und ihr Lernwille und sie fangen an, sich selbst Bildung für ihre Entwicklung zu holen.

Wie ist das Konzept entstanden?

An dem Konzept hat eine Gruppe von 40 Leuten gearbeitet. Darunter waren Schulleitungen, Vertretungen der Jugendhilfeträger, aus dem Sport, aus der Kultur, der Elternschaft und verschiedene Leute aus der Verwaltung, darunter auch unsere Integrationsbeauftragte. Das Schöne ist, dass das Konzept kein Kompromiss, sondern ein Konsens geworden ist. Das haben die politischen Gremien der Stadt dann auch sehr wertzuschätzen gewusst. Die „Kooperative Ganztagsbildung“ ist einstimmig über die Fachausschüsse und den Rat verabschiedet worden und wird im nächsten Jahr an drei Schulen in Betrieb gehen.

Sie werden als Stadt Oldenburg die Rolle haben, andere Kommunen zu beraten. Gibt es so etwas wie einen wichtigsten Tipp?

Wir haben Fakten geschaffen, obwohl wir hoch verschuldet sind, ganz alleine. Das ist eine ziemliche Herkulesaufgabe, aber es geht. Gleichzeitig muss man akzeptieren, dass wegen der angespannten Haushaltslage vieles langsamer geht, als man sich das vorstellt. Wir werden jedes Jahr nur begrenzte Mittel für den Ausbau der Kooperativen Ganztagsbildung in die Hand nehmen können. Aber wir werden konsequent die nächsten Schritte gehen: Den Aufbau eines integrierten Berichtswesens, das die soziale Lage, Bildung, Jugendhilfe und Gesundheit in Oldenburg abbilden soll, mussten wir immer wieder verschieben. Aber auch da tut sich jetzt was. Im Herbst bekomme ich einen  Schulentwicklungsplaner als Teamkollegen und dann kann ich mit ihm zusammen losgehen.


Das Interview führte Beate Krol.
Foto: Anna Lena Schiller

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