Außerschulische Lernförderung: Kinder lernen gemeinsam an einem Tisch

Kommunen fördern Lernen

Wie fördert man als Kommune Bildungsgerechtigkeit? Im Prinzip ist die Antwort ganz einfach: Indem man eine kostenlose außerschulische Lernförderung anbietet. Der Osnabrücker Nordkreis hat mit der „Bildungs- und Lernberatung im nördlichen Osnabrücker Land“ (bilnos) einen Weg dazu gefunden.

Von Beate Krol

Nadine reckt den Zeigefinger in die Luft, ihre Augen leuchten. An der Tafel muss eine Zahl eingesetzt werden und die 9-Jährige weiß, welche es ist. Mit durchgestrecktem Rücken stiefelt sie nach vorn und schreibt eine „16“ in die Lücke. Ihre Mitschülerin Jenny klatscht begeistert in die Hände. „Gut, Nadine“, ruft sie, „du hast es gelöst.“

Die beiden Drittklässlerinnen aus Gehrde sind zwei von rund hundert Kindern und Jugendlichen im Osnabrücker Nordkreis, die einmal in der Woche in einer Kleingruppe Lesen, Schreiben und Rechnen üben, um den Anschluss in der Schule nicht zu verlieren. Normalerweise müssen Eltern für eine solche Förderung viel Geld bezahlen. Im Osnabrücker Nordkreis nicht. Dort tragen die sechs Samtgemeinden die Kosten, zusammen mit  einer Handvoll Stiftungen, allen voran die Stahlwerkstiftung Georgsmarienhütte und die RWE Stiftung Essen. Die Organisation und Durchführung hat das Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft übernommen.

Unterstützer der Kinder und Jugendlichen

Auf diese Weise können auch Kinder gefördert werden, deren Eltern nicht so viel Geld haben. Auf dem Weg zu mehr Bildungsgerechtigkeit ist das ein wichtiger Schritt. Gleichzeitig hoffen die Initiatoren der „Bildungs- und Lernberatung im nördlichen Osnabrücker Land“ (bilnos), den demografischen Wandel abfedern zu können. Der Osnabrücker Nordkreis, in dem viele Spätaussiedler leben, ist eine prosperierende Wirtschaftsregion, die qualifizierte Mitarbeiter braucht. „Es wäre schade, wenn wir unser Potential nicht heben könnten“, erklärt Johannes Koop, Erster Samtgemeinderat der Samtgemeinde Bersenbrück.

Dabei versteht sich bilnos als Unterstützer der Kinder und Jugendlichen. Dazu gehört auch, dass das Netzwerk neben den Lerngruppen, die ausnahmslos von lerntherapeutisch ausgebildeten Lernberaterinnen geleitet werden, Lehrerfortbildungen zum Umgang mit Lernschwächen anbietet. Im Studium kommt dieses Thema in der Regel nicht vor. Viele Pädagogen bemerken Lernschwächen deshalb oft erst, wenn der Abstand der Kinder zur übrigen Klasse bereits sehr groß ist.

In den mehrtägigen Workshops werden die Lehrer für das Verhalten von Kindern mit Lernschwierigkeiten sensibilisiert. Zählen sie an Fingern? Können sie mit Geld umzugehen? Scheitern sie daran, einem Laut einen Buchstaben zuzuordnen? Dazu lernen die pädagogischen Fachkräfte verschiedene Fördermethoden und -materialien kennen und setzen sich mit ihrer Haltung gegenüber den Kindern mit Lernschwierigkeiten, die in der Konsequenz oft verhaltensauffällig sind, auseinander.

Weiterbildung und kollegiale Beratung

64 Lehrerinnen und Lehrer aus Grundschulen und Sek1-Stufen haben die Fortbildungen im ersten Jahr besucht. Eine stolze Zahl. Auch die Evaluierung im Rahmen einer Bachelorarbeit fiel positiv aus. Die Teilnehmer erklärten, dass sie viele Ansatzpunkte im Umgang mit Lernschwächen bekommen hätten, sich sicherer fühlten und stärker an den Gründen interessiert seien, wenn sie merkten, dass ein Kind zurück bleibe.

Auf Wunsch der Lehrkräfte werden die Lerntherapeutinnen demnächst auch für kollegiale Beratungen zu Verfügung stehen. Auch die Eltern wissen das bilnos-Angebot zu schätzen. Selten, dass ein Kind nicht zu einer Lerngruppe kommt oder unentschuldigt fehlt. In Gehrde wird die Lernbegleiterin und Koordinatorin von bilnos, Susanne Brundiers, von den Müttern von Nadine und Jenny fast genauso überschwänglich begrüßt, wie von den Kindern selbst. Nur ein einziges Kind ist bislang von einer Lerngruppe ausgeschlossen worden, weil es zu oft gefehlt hatte. „Die Eltern müssen Teil der Förderung werden“, sagt Susanne Brundiers, „sonst funktioniert es nicht“.

Die Initiatoren von bilnos hoffen, dass sie nach dem Auslaufen der ersten Förderperiode im Februar 2013 weitermachen können. Kommt es dazu, wäre das ein wichtiges Signal auch für andere Kommunen, dass es möglich ist, sich als Partner im Bildungsprozess vor Ort einzubringen. „Wir müssen weniger in Zuständigkeiten und mehr in Inhalten denken“, sagt Johannes Koop von der Samtgemeinde Bersenbrück. Bei Jenny und Nadine hat diese Haltung wieder neues Interesse am Fach Mathematik entfacht und sie ermutigt, weiter zu lernen. Als Lernberaterin Susanne Brundiers fragt, ob sie es noch ein bisschen schwerer machen kann, nicken sie.

Die Samtgemeinde Bersenbrück ist Beispielkommune der Initiative Bündnisse für Chancengerechtigkeit. Mehr Infos zur Initiative gibt es hier.


Über bilnos

Das Projekt Bilnos ist bis Februar 2013 bewilligt. Die Kosten für drei Jahre sind mit 260.000 Euro veranschlagt. 90.000 Euro davon stammen aus den Kommunen. 170.000 Euro steuern andere Institutionen bei. Die bilnos-Partner sind: Stiftung Stahlwerk Georgsmarienhütte, RWE Stiftung, Bildungsstiftung für Kinder und Jugendliche im Osnabrücker Land, Kreissparkasse Bersenbrück, Initiativkreis Region Osnabrück und die VME-Stiftung. Der Bildungsfonds zur Förderung des Übergangs zwischen Schule und Beruf in der Region des Lernens Osnabrücker Nordkreis e.V. ist Träger des Projekts. Organisation und Durchführung liegen beim Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft gGmbH.


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