Weiter geht es mit Weiterstadt

Seit 2008 ist die Stadt Weiterstadt in Hessen eine von vier Modellkommunen im bundesweiten Projekt Lebenswelt Schule der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) und Jacobs Foundation. Derzeit arbeiten rund 80 Aktive aus Schulen, Kindertagesstätten, Einrichtungen der Jugendhilfe, Eltern- und Schülervertretungen in fünf Arbeitsgemeinschaften. Sie entwicken einen gemeinsamen Handlungsleitfaden zur Gestaltung von Übergängen zwischen Kita und Grundschule sowie zwischen Grundschule und weiterführenden Schulen. Die vierte Fachtagung des Projektes in der Albrecht-Dürer-Schule in Weiterstadt lud am 29. Juni ein zum fachlichen Dialog über die Gestaltung von Bildungslandschaften und über die individuelle Förderung von Übergängen zu weiterführenden Systemen.

 

Vom Leitbild zum Handlungsleitfaden

Heiß ist es nicht nur draußen, sondern auch in der dicht gefüllten Aula der Albrecht-Dürer-Schule. Doch die gefühlten 45 Grad wirken eher anregend auf die Stimmung im Saal. Von den mehr als 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Fachtagung scheint jeder jeden zu kennen und im Gespräch nahtlos anzuknüpfen an das, was beim letzten Treffen diskutiert wurde. Walter Schnitzspan, Schulleiter und Hausherr, begrüßt die Anwesenden mit der guten Nachricht, dass es gelungen sei, seine Schule in eine gebundene Ganztagsschule umzuwandeln. Dieter Assel, Fachdienstleiter bei der Stadt Weiterstadt und Ansprechpartner für das Projekt Lebenswelt Schule lässt das letzte halbe Jahr Revue passieren. In vier Stadtteil-AGs und einer Arbeitsgemeinschaft von Jugendlichen wurde intensiv zum Thema Übergang und Lerndokumentation gearbeitet. Der Austausch der 80 Aktiven wurde begleitet von der Arbeit in den Gremien Steuerungsgruppe Lebenswelt Schule, kommunaler Bildungsbeirat, Projektbeirat und Treffen auf Kreis- und Landkreisebene, in denen Fragen zur lokalen Bildungslandschaft thematisiert wurden. „Ich habe das Engagement berechnet und komme auf über 1000 Arbeitsstunden der AGs im letzten Halbjahr“, lautet seine stolze Bilanz.

Da Begrifflichkeiten in Theorie und Praxis unterschiedlich verstanden und benutzt werden, wurde in Weiterstadt ein Glossar entwickelt, mit dem Ziel eine gemeinsame Sprache zu finden. „Wir sind von der konzeptionellen in die Phase eingetreten, in der sich unsere Vorstellungen und Ziele auf der Handlungsebene verdichten und konkretisieren. Deshalb ist unser nächstes Ziel, die Entwicklung eines Handlungsleitfadens, der eine strukturierte Orientierungshilfe für die Gestaltung pädagogischer Praxis aller im Projekt Lebenswelt Schule beteiligten Institutionen und Personen bieten soll“, führt Dieter Assel zum Schwerpunkt der heutigen Veranstaltung aus. Außerdem sind Fortbildungsveranstaltungen zu Themen „Wie lernen Kinder?“, „Welche Lernarrangements sind förderlich für individuelle Entwicklung und ko-konstruktives Lernen?“ und „Kooperation von Eltern und Fachkräften“ schon fest im Weiterstädter Bildungskalender bis 2011 justiert. Die Stadt wird eine Servicestelle Beteiligung einrichten, die von einem Jugendlichen geleitet wird, um Jugendliche zu motivieren sich zu engagieren. „Wir haben uns in Netzwerktreffen mit anderen Kommunen ausgetauscht, wir haben Neuland betreten. Insofern ist Weiterstadt Pilotkommune für eine bundesweite Entwicklung“, ist das selbstbewusste Resümee von Dieter Assel.

www.bildungslandschaft-weiterstadt.de

Unter dieser Adresse ist künftig alles zu finden, was die Weiterstädter Bildungsbürgerinnen und -bürger bewegt. Sie ist als interaktive Plattform konzipiert, soll die Kommunikation untereinander unterstützen und dient dem Austausch der Projektaktiven und der Steuerungsgruppe, steht aber auch allen Interessierten zur Verfügung. „Wir haben Zugriffsbegrenzungen eingerichtet, um die noch nicht öffentlichkeitsreife Arbeit unserer AGs zu schützen“, erläutert Walter Schnitzspan die Funktionsweise des Mediums. Doch ansonsten kann jeder nach Herzenslust stöbern und schnuppern, ins Archiv schauen, sich Links notieren, das Glossar aufsuchen, wichtige Dokumente herunterladen, seine Meinung äußern (das ist ausdrücklich erwünscht).

Auf den Punkt gebracht

Nur fünf Minuten Zeit haben die vier Stadtteilgruppen, um über ihre Aktivitäten seit dem letzten Treffen zu berichten. Sie schaffen es alle, das Zeitlimit dieser flotten Veranstaltung nicht zu überschreiten, das ist um so erstaunlicher bei der Breite, Vielfalt und Komplexität der Aufgabenstellungen und spricht für den strukturierten Umgang mit der Thematik. Jahresplanung, Maßnahmeplan, Kooperationskalender, Fortbildungen zu Lerndokumentationen, Patenarbeit, Projekte Kita und Grundschule, Grundschule und weiterführende Schule, Hospitationen, Entwicklung von Indikatoren, Evaluation, Partizipation, Angebote von außerschulischen Institutionen, Lerntagebücher, Perspektivwechsel, das sind die zentralen Schüsselbegriffe, die die Arbeitsgruppen einen. Ob in einem Zeitstrahl dokumentiert oder als Jahresscheibe visualisiert, eröffnet sich dem Betrachter die Dynamik der Weiterstädter Bildungslandschaft.

Neue Freunde und nette Lehrer

Was machen Jugendliche, um dem Thema Übergang auf die Spur zu kommen? Sie befragen die Betroffenen. So sind neun Weiterstädter Jugendliche an die Sache herangegangen. In ihrer Arbeitsgruppe befragten sie vierte Klassen zu deren Erwartungen an den Übergang und fünfte Klassen zu ihren Erfahrungen. Neue Freunde und nette Lehrer rangieren weit oben in der Erwartensskala, aber auch gute Ausstattung der Schule, große Räume und freundliche Lernatmosphäre spielen eine wichtige Rolle. Bei den Erfahrungen kommen die Schülerpaten gut weg, da wird sich noch mehr Betreuung und weniger Hausaufgabenkontrolle gewünscht. Eine gründlichere Einführung in neue Fächer steht auf der Wunschliste der fünften Klassen. Und der Englischunterricht, na ja. „Es wäre besser, wenn die Lehrkräfte uns nicht sofort auf Englisch bequatschen.“ „Sorry“, seufzt eine Teilnehmerin neben mir „wir sollten viel mehr von den Schülerinnen und Schülern lernen“. Die professionell gestaltete PowerPoint-Präsentation mit Videoclips der Jugendlichen erntet großen Applaus beim Publikum.

An die Arbeit, fertig, los

Acht Workshops und ein Fachforum stehen als Nächstes auf dem Programm. Ein bisschen Zeit für kühle Getränke, Kaffee und Kuchen bleibt. Doch man befände sich nicht in Weiterstadt, wenn nicht auch die Pause kommunikativ genutzt würde. Ein Paradebeispiel für schnittlose Übergänge. Das Spektrum der Workshops reicht von Zielen der Arbeit mit Lerndokumentation, über Grundsätze, Regeln, Inhalte, Methoden bis hin zur Evaluation von gelungenen Übergängen. Da ist für jeden ein Thema dabei und interessanterweise rekrutieren sich die Arbeitsgruppen neigungsorientiert und interdisziplinär, will heißen, die Trennung von Schule und Jugendhilfe hat sich in Weiterstadt themenorientiert aufgelöst. Auch im Fachforum sind alle Zielgruppen der kommunalen Bildungslandschaft vereinigt und diskutieren über Wichtiges: Ressourcen, politische Entscheidungsprozesse, Elternbeteiligung.

Das Kind im Mittelpunkt

Darüber besteht Konsens im Workshop „Ziele der Arbeit mit Lerndokumentationen“. Danach dominieren Fragen: Mit welcher Absicht werden Lerndokumentationen erstellt? Wem nützen sie? Wer soll sie lesen? Gehören sie dem Kind oder ist es nur eine Leistungsbeurteilung für die weiterführende Schule? In wessen Hand gehört das Buch? Wer hat das Buch in der Hand? Ist es ein Ich-Buch oder ein Fremdbuch? Wozu soll die Lerndokumentation dienen? Soll sie nur stärkeorientiert verfasst werden? Ist die Lerndokumentation ein Diagnosemittel oder ein Tagebuch für Schülerinnen und Schüler? Wie schütze ich Privates? Die Diskussion heizt den Raum auf gefühlte 50 Grad an. Heiß, heißer geht es nimmer.

Um es vorwegzunehmen. Es gab vorläufig keine Lösung für diese Fragen in der Arbeitsgruppe. Und das ist gut so. Noch besser war die Entscheidung des Workshops, ihre Fragen an das Plenum weiterzugeben und nicht mit vermeintlich schlüssigen Ergebnissen aufzuwarten. Denn eins ist gewiss, Hausaufgaben werden in Weiterstadt erledigt. Damit bestand der Schlussteil der Veranstaltung in der verantwortlichen Delegation von anstehenden Aufgaben. Die Handzeichen der Teilnehmenden signalisieren, dass das Übernehmen von Verantwortung selbstverständlich ist. Weiter so mit Weiterstadt.


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