„Mutig kommunale Bildungsverantwortung übernehmen!“

Ein Interview mit Anne Janz, Dezernentin für Jugend, Schule, Frauen und Gesundheit der Stadt Kassel.

Beim Auftaktreffen der Bildungsbündnisse wurde über vieles gesprochen, nur nicht über höhere Etats. Auch Sie haben nicht mehr Geld für mehr Bildungsgerechtigkeit gefordert. Woran liegt das?

Man könnte sicherlich für den Einzelnen etwas mehr Geld brauchen, aber insgesamt ist im System genug Geld drin. Die Frage lautet daher nicht nur: „Wie kriegen wir mehr Geld für die Schule, Jugendhilfe oder den Regelsatz im Rahmen von Hartz IV?“, sondern: „Wie setzen wir die vorhandenen Ressourcen so ein, dass sie möglichst nutzbringend sind?“. Und da hilft es, die einzelnen Bereiche zielgeleitet zu vernetzen. In Kassel haben wir zum Beispiel neben dem Jugendamt, dem Schulverwaltungsamt und dem Gesundheitsamt auch das Kulturamt eingebunden, dessen Ressourcen sich sozial benachteiligten Kinder und Jugendlichen üblicherweise nicht so gut erschließen.

Wie haben Sie das Kulturamt für eine Zusammenarbeit gewonnen?

Wir haben zunächst dezernatsintern eine Vision entwickelt und anschließend strategische Ziele und konkrete Maßnahmen festgelegt. Das hat sehr geholfen, einen Blick fürs Ganze zu bekommen. Zum Beispiel ist jetzt klar, dass Schule und Jugendhilfe enger zusammenarbeiten müssen, wenn wir es mit der Vision „Mutig kommunale Bildungsverantwortung übernehmen“ ernst meinen und unser strategisches Ziel „Lernprozesse ganztägig zu gestalten“ erreichen wollen. Die engere Zusammenarbeit im Dezernat und die dezernatsübergreifende Zusammenarbeit, so auch mit dem Kulturamt, hat sich im Laufe des Zukunftsprozesses der Stadt Kassel zum Demografischen Wandel entwickelt, wo wir die Herstellung von mehr Bildungsgerechtigkeit in die gesamtstädtische Zielplanung aufgenommen haben.

Jetzt werden etliche Kommunen sagen: Ob wir Ganztagsschulen ausbauen, entscheiden nicht wir, sondern immer noch die Länder.

Das stimmt: Bildung ist normalerweise Landessache. Andererseits muss sich jede Stadt überlegen, wie sie den demografischen Wandel meistert. Diese Frage haben wir in einem längeren Prozess mit Bürgern diskutiert, und dabei kam heraus, dass es uns gelingen muss, auch benachteiligte Kinder und Jugendliche mitzunehmen. Wenn man nur für Kitas, Volkshochschulen und Schulgebäude zuständig ist, kommt man da nicht weit. Also haben wir gesagt: „Wir müssen kommunale Bildungsverantwortung übernehmen!“, und das heißt auch: zielgeleitete Schulentwicklungsplanung in Kooperation mit Schulen, zum Beispiel bei der Gestaltung des Ganztags oder auch beim Übergang Schule-Beruf.

Und wie bewegt man etwas, wenn man die Zuständigkeit dafür nicht hat?

Meine Erfahrung ist, dass schon allein die Tatsache, dass man sich vernetzt, eine System sprengende Kraft hat. Später im Prozess ist es wichtig, dass sich alle Ressorts zu den Zielen bekennen, am besten in Form einer schriftlichen Vereinbarung und gestützt durch politische Beschlüsse. Im Rahmen unseres Zukunftsprozesses zum Demografischen Wandel erproben wir zurzeit, den Kasseler Stadtteil Waldau unter dem Stichwort „mehr Bildungsgerechtigkeit“ weiterzuentwickeln. Ein Stadtteil, in dem es Armut gibt und somit soziale Benachteiligung, in dem aber auch schon viele gute Angebote vorhanden sind. Klar, die Kooperation erfolgt für viele Akteure auf freiwilliger Basis, das ist schwierig, aber macht eine Bildungsregion nicht von vornherein unmöglich.

Was wird für arme Waldauer Kinder und Jugendliche jetzt anders?

Auf Seiten der weiterführenden Schulen gab es oft die Kritik: Die Kinder bringen zu wenig mit, an sozialen Fähigkeiten, an Wissen und an Unterstützung von zuhause. Deshalb haben wir als Stadt mithilfe des Konjunkturpaketes die Grundschule zur Ganztagsgrundschule ausgebaut und den Hort an die Grundschule gebracht. Und das hat zu vielen Aha-Erlebnissen geführt, weil man gemerkt hat: Man kann voneinander lernen und profitieren. Es geht nämlich immer um die gleiche Ayşe und den gleichen Kevin. Außerdem haben wir alle freien Träger, Schulen, den Ortsbeirat und die Bürger eingeladen, aus Waldau eine Bildungsregion zu machen. Das Ergebnis war, dass etliche Akteure vereinbart haben, gemeinsame Ziele zu verfolgen. Das Ganze wird auf unterschiedlichen Ebenen mit Steuergruppen gesteuert. Außerdem hat die Stadt eine Koordinatorin eingestellt, die den Prozess begleitet und am Laufen hält. Ich denke, dass wir nach vier, fünf Jahren gut funktionierende Bildungsketten haben.

Was können Sie anderen Kommunen raten, die für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen wollen?

Das eine ist: Es braucht Menschen, die Bildungsgerechtigkeit für alle herstellen wollen und daran zäh prokeln und arbeiten. Das andere ist, dass man auf die Kraft der Menschen vertrauen kann. Die meisten, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, wollen Erfolg haben, egal in welcher Institution sie arbeiten. Und was wir auf der kommunalen Ebene schaffen müssen, sind Gelingensbedingungen für ein erfolgreiches und nachhaltig wirksames Arbeiten schaffen. Und das hat nicht in erster Linie mit Geld zu tun, sondern vor allem viel mit der Haltung und dem Willen zur Kooperation und dem Wissen, dass jedes Kind wichtig ist.

Das Interview führte Beate Krol
Foto: DKJS


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