Ein ganzes Dorf gibt Anschwung – Höhenflüge in Helsa

Von Wibke Bergemann

Die nordhessische Gemeinde Helsa will ihre Angebote für alle Kinder verbessern. An einem Runden Tisch arbeiten seit Anfang des Jahres die verschiedensten Akteure zusammen. Um ihren Ort bekannter zu machen, haben sich die Bürger aus Helsa nun für den Fotografen Jan von Holleben auf den Boden gelegt. Ein ungewöhnliches Shooting mit ganz normalen Menschen.

Helsas Bürgermeister Tilo Küthe legt Jackett und Hemd ab, wirft sich ein braunes T-Shirt über und legt sich auf den Boden der Sporthalle. Dort liegt er ineinander verkeilt mit elf anderen Dorfbewohnern. Neben seinen Ohren wackeln die Füße einer Kindergärtnerin, die neue Lehrerin ist eng an ihn gedrückt. Die Nähe ist ungewohnt, aber nach einigen Minuten auf dem Boden entspannt sich Küthe. Die sechs Erwachsenen haben sich alle etwas Braunes übergezogen und formen zusammen einen Baumstamm. Hinter ihnen haben sich sechs weitere Bewohner der Gemeinde in grünen T-Shirts zu einem Kreis gerollt, sie bilden die Krone des Baumes.

Der Fotograf Jan von Holleben hat jeden einzelnen von ihnen auf dem Boden drapiert. Jetzt sind die Kinder an der Reihe: Den kleinen Anakin lässt von Holleben die Füße gegen die Kindergärtnerin stemmen. Die fünfjährige Zoe liegt weiter vorne und hält sich an einem Seil fest. Als alle fertig in Position gebracht sind, steigt der Fotograf schnell auf eine drei Meter hohe Arbeitsbühne. „Jetzt mal alle glücklich“, ruft er hinunter, nimmt seine Kamera und drückt ab. Erst von hier oben ergibt das Durcheinander von Körpern am Boden ein Bild. Man sieht eine Gruppe von Menschen, die gemeinsam ein Ziel verfolgen und zugleich ein Motiv wie aus einem Bilderbuch: Der Junge scheint an dem großen Baum aus Erwachsenen hochzuklettern. Das Mädchen schaukelt trügerisch schwungvoll mit dem Seil am Baum.

Die arrangierten Szenen mit liegenden Kindern haben Jan von Holleben zu einem bekannten Fotografen gemacht. Durch den einfachen Trick, seine Protagonisten auf den Boden zu legen, scheint die Schwerkraft aufgehoben. Das eröffnet neue Möglichkeiten. Bürgermeister Küthe findet das sehr „künstlerisch“, ihm gefällt vor allem das Motiv: „Die Gemeinde als Baum, auf dem die Kinder herum spielen.“ Und er fügt lachend hinzu. „Der Stamm darf nicht wackeln.“

Seine Gemeinde Helsa ist klein und idyllisch. 6.000 Einwohner leben verstreut auf vier Ortsteile. Bunte Fachwerkhäuschen schmiegen sich an die Hügel des nordhessischen Fulda-Werra-Berglands. Hinter dem Ort grasen Kühe auf saftigen Wiesen, zugleich braucht die Straßenbahn nur eine halbe Stunde bis nach Kassel. Ein idealer Ort zum Aufwachsen, würde man meinen. Doch wie viele strukturschwache ländliche Regionen erlebt auch Helsa, dass immer weniger Kinder geboren werden und die Einwohnerschaft zunehmend überaltert.

Das Schwimmbad von Helsa und die Eschwald Grundschule, in deren Sporthalle die Fotos entstehen, sind von der Schließung bedroht. Bereits in fünf Jahren wird die Schule voraussichtlich nicht mehr genügend Schüler haben. Damit wäre ein kritischer Punkt erreicht, meint die 1. Beigeordnete der Gemeinde, Ute Wolfram-Liese. Sie hat daher die Arbeitsgemeinschaft „Die Schule im Dorf lassen“ mitgegründet: „Wenn man eine Schule schließt, dann stirbt ein Dorf“, sagt Wolfram-Liese. Für Bürgermeister Küthe ist klar: „Wir müssen uns den Veränderungen stellen. Ziel ist es, mehr Familien für Helsa zu begeistern. Dazu müssen wir uns abheben von anderen Orten.“

Seit Anfang des Jahres nimmt Helsa an Anschwung für frühe Chancen teil. Die drei Kindergärten, die beiden Grundschulen, die Vereine, die Kirchen und der Gemeindevorstand haben einen Runden Tisch gegründet, um die Angebote für Kinder und Familien zu verbessern. Für Eva-Maria Lauckner ist Helsa ein ganz besonderer Ort: „Da ist eine ganze Gemeinde, die sich zusammensetzt mit allen Schwierigkeiten, die damit verbunden sind. Das sind ja ganz unterschiedliche Akteure.“ Lauckner steht der Initiative als Prozessbegleiterin zur Seite und will dafür sorgen, dass der Runde Tisch zu einer festen Einrichtung wird.

Schon jetzt habe die Vernetzung innerhalb des Ortes viel gebracht. Den Bürgern ist bewusst geworden, was ihr Ort alles zu bieten hat: die gute Verkehrsanbindung, eine idyllische Umgebung und einen intakten Ortskern, der entgegen der Tendenz zu Neubauten am Ortsrand erhalten werden muss. Die Schulen und Kindergärten bieten seit drei Jahren eine Nachmittags- und Ferienbetreuung an, die vor allem berufstätige Eltern zu schätzen wissen. Und schließlich sind da noch die Vereine, die insgesamt mehr Mitglieder haben als Helsa Einwohner zählt. Jetzt müsse es darum gehen, diese Vorteile auch nach außen darzustellen, den Ort überregional bekannter zu machen, meint Lauckner.

Dem Fotografen macht die Arbeit mit den Leuten aus Helsa sichtlich Spaß. Für ein zweites Bild legen sich die Erwachsenen dicht gedrängt im Kreis. Von Holleben legt sich selbst kurz auf den Boden und zeigt jedem Einzelnen, was für eine Körperhaltung er einnehmen soll. „Machen sie es sich gemütlich“, sagt er spaßig, schließlich müssen die Laienmodelle mindestens eine halbe Stunde dort ausharren. Der eine verspannt sich im Rücken, dem anderen schlafen die Gliedmaßen ein. Aber immer gibt es viel Gelächter, wenn Jan von Holleben seine Protagonisten halb über einander legt, ein paar Beine umeinander wickelt oder einen Kopf auf dem Körper des Nachbarn ablegt.

Die Erwachsenen bilden jetzt einen Heißluftballon. Zwei Seile liegen auf dem Boden, dazu ein Korb passend für zwei Kinder. Von Holleben schiebt den kleinen Dean in den Korb, ein Bein hinein, das andere Bein lässt er über den Rand baumeln. Doch der Fünfjährige bleibt nur wenige Minuten ruhig liegen, dann dreht er sich und nimmt eine neue Haltung ein. Von Holleben lässt ihn machen. Die Kinder scheinen ihm zu vertrauen, und er vertraut den Kindern und ihrer natürlichen Körpersprache. „Eigentlich wollte ich Sozialpädagogik studieren. Wenn ein Kind keine Lust hat, dann respektiere ich das. Ich würde niemals versuchen, ein Kind mit Süßigkeiten zu überreden, sich fotografieren zu lassen.“

Die zwei Kleinen liegen gespannt auf dem Boden und beobachten genau, was von Holleben macht. Der legt noch schnell die langen Haare von Nina auf dem Boden zurecht und eilt zu seiner Kamera. „Ich will nicht als der berühmte Fotograf kommen, der die Kinder fotografiert. Am liebsten ist es mir, die Kinder und ich spielen Fotografieren. Manche Kinder haben zu viel „Germanys next Topmodel“ gesehen. Die wollen sich hinstellen wie Models und nehmen das alles viel zu ernst.“ Deswegen fotografiert von Holleben gerne Kinder, die in kleinen Gemeinden aufwachsen, wie hier in Helsa.

Der 35-Jährige ist selbst auf dem Lande groß geworden. Kindheitserinnerungen fließen in seine Arbeit ein. „Jeder kann was mit diesen Bildern anfangen“, sagt von Holleben: „Für die Erwachsenen ist es Nostalgie, für die Kinder Abenteuer.“ Nachdem das Foto vom Heißluftballon geschossen ist, läuft Nina zu ihrer Mutter: „Das war anstrengend, aber auch schön“, lacht die Achtjährige. Vor 13 Jahren sind ihre Eltern nach Helsa gezogen. „Das war eine gute Entscheidung“, sagt ihre Mutter. „Im Dorf kennen alle die Kinder, hier können sie alleine rumlaufen.“ Jeden Nachmittag hat Nina etwas zu tun: Mit der Tanzgarde übt sie für den nächsten Karneval, sie besucht eine Bastelgruppe und sie geht Reiten und Schwimmen. Denn noch hat Helsa ein eigenes Schwimmbad. „Hier trifft sie überall ihre Freunde“, sagt ihre Mutter. „Woanders wäre das wohl nicht so.“

Anschwung für frühe Chancen
ist ein bundesweites Serviceprogramm für den Aus- und Aufbau 600 lokaler Initiativen für frühkindliche Entwicklung bis Ende 2014. Das gemeinsame Programm des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) unterstützt lokale Initiativen dabei, Antworten auf ihre individuellen Fragen zur Verbesserung der Kindertagesbetreuung zu finden.

Hintergrundinformationen zur Initiative Helsa


Mehr Informationen zu Anschwung für frühe Chancen


Foto: Kakoii Berlin

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