Reportage: "Mit den Augen der Kinder sehen, mit den Mündern der Kinder sprechen"

Darmstadt auf dem Weg zur Bildungslandschaft – durch „Lerngeschichten“

Er ist Resonanz gewöhnt. Doch dass so viele am 29. November 2011 zum Start des DKJS-Programms „Lerngeschichten“ ins Hessische Staatsarchiv in Darmstadt kommen, überrascht ihn: Dieter Paulmann. Der Gründer, langjährige Vorstand und spätere Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Industrie Service AG (DIS AG) hat miteingeladen. Er ist Initiator und Mäzen des Projekts. Sein Wunsch: Kleine Kinder auf ihrem Bildungsweg zu unterstützen.

Eine gewisse Generosität umgibt den Mann im dunkelblauen Jackett. Es ist eine Ausstrahlung der Wärme und Menschlichkeit. Er scheint den Typus des väterlich-fürsorglichen Unternehmers zu verkörpern, dabei ist er ein erfolgsverwöhnter Geschäftsmann.

1970 tritt er in die Geschäftsführung der DIS AG ein und wird im Laufe der Zeit geschäftsführender Alleingesellschafter. 1997 geht er an die Börse und wird der erste Vorstandsvorsitzende. Er handelt unter dem Motto "Soziale Probleme in wirtschaftliche Chancen verwandeln". Zu diesem Zeitpunkt wird auch nach außen sichtbar, dass er in die Zukunft denkt. Er stößt neue Beschäftigungsmodelle im Rahmen von Zeitarbeit an. 2003 wird die DIS AG zum ersten Mal in der Liste von „Deutschlands besten Arbeitgebern“ aufgeführt.

2005 gründet Dieter Paulmann „Okeanos“, seine „Stiftung für das Meer“, weil er den „Zusammenhang zwischen einem intakten Meer und einer guten Welt für uns Menschen“ erkannt hat. 2006 verkaufen er und seine Familie ihr Aktienpaket der DIS AG. Seitdem, so darf vermutet werden, ist das Geld frei für eine weitere Stiftung und sein heutiges Engagement. Die zweite Stiftung „Denkwerk Zukunft“ richtet sich seit 2007 auf „kulturelle Erneuerung“. Und jetzt ein Drittes, Bildung, mit Augenmerk auf Kinder zwischen 0 und 10 Jahren. „Wie passt das zusammen?“ wird Dieter Paulmann anlässlich des Starts von „Lerngeschichten“ gefragt.

„Es ist alles das Gleiche. Es geht um ein neues Bild von Gesellschaft. Ökonomisch ist klar: wir können nicht mehr ständig wachsen. Aber wie können wir bei weniger Verdienst und hohen Lebenshaltungskosten trotzdem auskömmlich miteinander leben? Ich möchte sagen können: ich hab’ etwas dafür getan.“
Es ist eine bunte Zuhörerschaft, die Dieter Paulmann aufmerksam ansieht. Es sind Lehrerinnen und Lehrer, Leiterinnen von Krabbelstuben und Kinderhäusern, KiTas und Kindergärten, Sozialpädagogen aus Erziehungsberatung und Familienbildung, Vertreter und Vertreterinnen aus Politik und Verwaltung und – Großväter, bisher noch ohne Bildungspartnerschaft. Sie sitzen an großen runden Tischen im barock ausgeschmückten Karolinensaal, wie bei einem Festbankett.

„Wettbewerb muss Miteinander sein, nicht Gegeneinander. Und Kinder dürfen auf ihrem Bildungsweg nichts verlieren.“ Dieter Paulmann will die Bürgerverantwortung, die er spürt, wirksam ergreifen. Er will finanzielle Hilfe leisten, aber in transparenten Strukturen, so dass andere es ihm nachtun können. Deshalb hat er sich an die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) gewandt.

Dass es zu einer Zusammenarbeit kam, ist dem gemeinsamen Interesse von Dieter Paulmann und der DKJS Geschäftsführerin Heike Kahl zu verdanken. Ihr Thema: gesellschaftliches Miteinander als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das erzählt Peter Bleckmann, Bereichsleiter der DKJS, und erläutert die Rolle der bundesweit tätigen Stiftung. Er spricht von der DKJS als Bildungserneuerin, die nach vorn blickt und das Bildungssystem verbessern will.

Damit die Bildungswege von Kindern und Jugendlichen erfolgreich verlaufen, brauchen sie Unterstützer, die sie fördern und gut zusammenarbeiten. ‚Übergänge gestalten‘ heisst das Stichwort. Von der Familie in den Kindergarten und von der Kita in die Schule. Hier sollen Kinder keinen Bruch erleben, sondern außerschulische und schulische Einrichtungen als Verantwortungsgemeinschaften erleben können.

 Mit dieser Idee ist die DKJS bereits in allen Bundesländern vertreten und begleitet zurzeit 25 Kommunen auf dem Weg zur Bildungslandschaft. Peter Bleckmann merkt man seine Leidenschaft für das Thema an. Er sieht die Aufgabe der DKJS darin, Prozesse in Gang zu setzen, zu steuern, Menschen zusammenzubringen, das Programm bekannt zu machen und die Erfahrungen der Beteiligten für die Zukunft zu nutzen. So entsteht wichtiger Raum für die Entwicklungsarbeit vor Ort.
Auch hier im Raum merkt man die Aufbruchsstimmung und die wird man auch brauchen, um den ehrgeizigen Zielen gerecht zu werden. Das Programm Lerngeschichten möchte jedem Kind in Darmstadt zu einer erfolgreichen Lernbiografie verhelfen. Die Zielgruppe sind Kinder unter zehn Jahren, denn in den frühen Jahren werden die Grundlagen für den gesamten Bildungsweg gelegt. Durch die Kooperation verschiedener Bildungseinrichtungen kann es besser gelingen, die Stärken jedes einzelnen Kindes zu unterstützen.

Peter Bleckmann ist überzeugt: „Das Programm "Lerngeschichten" wird zwei Perspektiven miteinander verbinden. Die eine ist die Perspektive des Kindes: Was hat das Kind für Interessen? Was kann es schon? Wo sind seine Stärken? Wer sind seine Freunde? Was geht in seinem Kopf vor?
Die andere Perspektive ist die der Bildungslandschaft. Hier geht es um die individuelle Förderung des einzelnen Kindes durch Bildung, Erziehung und Betreuung. Ziel ist dabei eine gelungene Bildungsbiografie ohne Brüche.“
Dafür werden in Darmstadt an drei Modellstandorten von Fachkräften, Kindern und Eltern konkrete Handlungsansätze entwickelt und erprobt. Jedes der drei lokalen Netzwerke bearbeitet dabei schwerpunktmäßig eines der drei Programmthemen:

  • Gestaltung des Übergangs Familie – Krippe – Kita
  • Gestaltung des Übergangs Kita – Grundschule
  • Generationenübergreifende Lerngeschichten.


Im Verlauf der dreijährigen Programmlaufzeit soll übertragbares Modellwissen entstehen, welches den Boden für das Entstehen einer lokalen Bildungslandschaft ebnet.

Evelin Klein, Sozialwissenschaftlerin und Sozialwirtin aus Frankfurt, wird im Auftrag der DKJS das Programm in Darmstadt leiten. Ihre Aufgabe ist es, die unterschiedlichen Prozesse zu strukturieren, zu moderieren und fachlich zu begleiten. Sie will mit ihrem Engagement die Motivation und Kreativität der Netzwerke unterstützen, so dass eine lebendige und langlebige Dynamik in Darmstadt entsteht. Am Ende sollen sich viele unterschiedliche Akteure ermutigt fühlen, sich für die Bildungsbelange der Darmstädter Kinder einzusetzen.
Die private Zuwendung von Dieter Paulmann schafft unterstützende Rahmenbedingungen. Es gibt keine starren Vorgaben oder Erwartungen. Der Prozess wird sich sehr flexibel und offen an den Ideen, Bedürfnissen, Ressourcen und Strukturen der Darmstädter Netzwerke ausrichten.

Auch Ulrike Leonhardt, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Hochschule Darmstadt, wird begleiten. Dabei knüpft sie an ihre Erfahrungen im Weiterstädter Projekt „Lebenswelt Schule“ an. Außerdem hat sie schon mehrere Kooperationsprojekte zur „Gestaltung von Übergängen“ und in der „Kooperation von Schule und Jugendhilfe“ wissenschaftlich begleitet. Hier hat sich für sie immer wieder bestätigt, dass es bei Innovationen sehr wichtig ist, Erfahrungen einzusammeln und festzuhalten. Hierfür wird sie Gruppendiskussionen mit den Programmbeteiligten durchführen und auswerten. Die Ergebnisse fließen unmittelbar in den Prozess zurück. Sie können zu jeder Zeit für die weitere Projektentwicklung genutzt werden.  Auch für andere Modellregionen können die Prozess- und Projektergebnisse von Nutzen sein.

Engagement für Kinder! heißt die Parole. Das beginnt mit gutem Zuhören und aufmerksamem Wahrnehmen, sagt die Professorin für Kindheitswissenschaften an der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt Claudia Maier-Höfer. Jedes Kind ist anders und jedes trägt einen Schatz an individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten in sich. Es geht darum, diese Vielfalt zu entdecken und sich nicht auf ein Durchschnittskind zu beziehen.

Kinder erschaffen die Kulturen, in denen sie sich entwickeln, selbst. Sie haben es nicht nötig, dass ihnen eigens Kindergartenwelten aufgebaut und ständig Angebote gemacht werden. Sie brauchen die Erwachsenen als Begleiter, als neugierige Zuhörer, als die, an denen sie eigene Wirksamkeit erleben.

„Das ist wichtig“, sagt Claudia Maier-Höfer. „Die Pädagogin muss sich vom Kind verändern lassen.“ In aller Ernsthaftigkeit aufnehmen und hinterher zu verstehen suchen, das ist die Aufgabe. Für das Kind die Verbindung herstellen zwischen dem Erlebten und eigener wie fremder Darstellung der Welt! Dann kann das Kind lernen, wenn sich Erinnerung, Erfahrung und gegenwärtig Erlebtes verknüpfen. Neues Wissen muss andocken können und emotional unterfüttert sein, berichtet die Professorin Wissen aus der Neurobiologie.

Sie erzählt erlebte Geschichten aus Reggio Emilia (Norditalien), wo Erzieherinnen die Handlungen der Kinder aufnehmen und weiterspinnen. Sie erzählt aus dem Pen Green Center in der ehemaligen Stahlarbeiterstadt Corby in England, wo „Early Excellence“ entsteht, weil auf das geschaut wird, was Kinder schon können. Dort hetzt niemand vom Noch-Nicht zum Muss-Noch. Dort werden Eltern als die ersten Erzieher ihrer Kinder mit einbezogen.

Sie erzählt von Te Whariki, „der Matte auf der alle stehen“. Sie ist in Neuseeland Symbol der Gemeinsamkeit, sie verbindet Maori und britische Einwanderer, alle ethnischen und alle soziokulturellen Gruppen miteinander. Es geht in der Früherziehung eben auch um das Gemeinschaftserleben. Denn zum Beispiel beim Austausch von Blicken schüttet das „Wohlfühlgehirn“ Opiate aus.

Neuseeland hat den Perspektivwechsel vorgemacht. Erwachsene müssen sich mit den Mündern der Kinder fragen: Kannst du mein Interesse verstehen und auch das meiner Familie? Übersiehst du mich nicht? Ermutigst du mich, Mitglied der Gesellschaft zu werden? lehrt Dr. Margret Carr an der Waikaito Universität in Hamilton.

Vom Beispiel Neuseeland lässt sich zudem lernen, wie Erwachsene ihr Verstehen trainieren und unterstützen können. Wenn aufgeschrieben wird, was ein Kind gesprochen hat, wenn sein Tun fotografisch dokumentiert wird, wenn seine Schöpfungen gesammelt werden, dann ergeben sich „Lerngeschichten“, Entwicklungsverläufe, dokumentiert in der Art von Ausstellungskatalogen. Es sind „Teaching Storys“, Geschichten, die Erwachsene etwas lehren.

So ergibt sich ein „neues Bild vom Kind“. Das zu vermitteln hat sich der Stadtteil Eberstadt mit seinen 14 Kitas, Krippen und Horten, den fünf Grundschulen und der Familienbildungsstätte vorgenommen. Im Stadtteil Bessungen wollen Grundschule, Kita und die Sozialpädagogen von „KOMM“ an einem Strang ziehen und auf die Eltern zugehen.

Wie wichtig das ist, ergibt auch die Diskussion im „World Cafe“. Die Tische im Karolinensaal verwandeln sich jetzt in Diskurszentren. Nicht nur die schwachen, auch die starken Eltern anzusprechen, erscheint als wichtig.  Es fallen Stichworte wie „Augenhöhe!“, „Haltung“, „Übergangskultur statt Institutionalisierung der Zusammenarbeit“. Die Vernetzung muss unabhängig werden von Personen.

Darüber würde sich Bürgermeister Wolfgang Glenz freuen. Er wünscht sich „griffige Modelle“ für langfristige Zusammenarbeit. „Nach drei Jahren, die die DKJS jetzt betreut, soll es ja weitergehen. Es darf nichts verpuffen“, sagt Torsten Rasch vom Amt für Familie, Kinderbetreuung und Sport. Die Kommune übernimmt daher Verantwortung.

Und Dieter Paulmann will die Verwaltung unterstützen. So werden im Zusammenspiel von Mäzen und DKJS ein „Darmstädter Handbuch für individuelle Lernbegleitung 0 – 10“  und eine „Bildungslandschaft“ entstehen.

Birgitta M. Schulte

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