Eine (fast) heile Welt

Bürger und Gemeinde sorgen gemeinsam für mehr Betreuungsplätze für die Jüngsten

Von Stefan Lüke
 
Die Welt in Niederdorfelden ist in Ordnung. Davon ist Juliane Frey überzeugt. Die Mutter dreier Kinder engagiert sich trotzdem in der Anschwung-Initiative „Förderung und Betreuung von Kindern von 1 bis 10 Jahren in Niederdorfelden“. Denn ihre Lebensphilosophie lautet: „Eine Gemeinde kann nur leben, wenn alle etwas geben.“ Mit Skepsis verfolgte sie die heftigen Diskussionen, die der ab August 2013 geltende Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder unter drei Jahren in Niederdorfelden ausgelöst hatte. „Zum Glück kann man jetzt feststellen, dass die Kluft überwunden wurde“, sagt sie heute. Erheblichen Anteil daran hat nach Ansicht von Juliane Frey das Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Anschwung für frühe Chancen habe dazu beigetragen, dass alle an einen Tisch kamen, um die Gedanken zu ordnen und die Emotionen in gute Bahnen zu leiten.
 
Dass die Betreuungssituation in Niederdorfelden aus Sicht anderer Gemeinden und Kommunen durchaus beneidenswert ist, kann Bürgermeister Klaus Büttner nur bestätigen. Bisher deckt Niederdorfelden 38 Prozent des Betreuungsbedarfs von Kindern unter drei Jahren ab. Was geschieht jedoch, wenn mehr Eltern sich dafür entscheiden, ihren Nachwuchs in der Kita oder von einer Tagesmutter betreuen zu lassen? Wenn alle Eltern von ihrem Rechtsanspruch Gebrauch machen werden, fehlen die Kapazitäten. „Wir benötigen theoretisch noch zwei Gruppen. Gemeinsam mit den drei bereits existierenden sowie der Tagesmütterkooperation mit der Nachbargemeinde Schöneck haben wir dann ausreichend Plätze“, rechnet Büttner vor.
 
Unterdessen hat die Gemeinde ein ehemaliges Einkaufszentrum gekauft und will es bis Ende 2013 so umbauen, dass drei Gruppen für unter dreijährige Kinder sowie zwei Kindergartengruppen hier ihre Heimat finden können. Der Bürgermeister empfindet es als selbstverständlich, dass ein entsprechendes Angebot von der Gemeinde gemacht wird: „Wir verfügen schon jetzt über 800 Arbeitsplätze. Die Einwohnerzahl ist innerhalb weniger Jahre von 3.000 auf 3.729 gewachsen. Aber ich kann doch nicht neue Familien hierher locken und dann sagen: ‚Aber ihre Kinder können wir nicht betreuen.‘“ Richtung Landesregierung Hessen schickt er eine klare Forderung hinterher: „Die Kommunen hängen am Tropf. Und im Vergleich etwa zu Bayern stellt das Land Hessen zu wenig Geld für den Ausbau der Betreuungsmöglichkeiten zur Verfügung.“
 
Die Anschwung-Prozessbegleiterin Vanessa Schlevogt habe die Initiative sehr unterstützt: das Netzwerk wurde größer und der Blick für gute Bildungschancen zum Wohl aller Kinder geschärft, betont Klaus Büttner. Die Unterstützung sei sachkundig und habe dazu angeregt, weitergehende Konzepte zu entwickeln. „Es ist ganz wichtig, dass diese Rolle jemand von außen übernimmt. Wenn das allein von der Politik und den unterschiedlichen Parteien kommt, denkt doch jeder zuerst an die eigenen Interessen.“
 
Als ausgesprochen gelungen empfindet Vanessa Schlevogt die Bürgerbeteiligung der vergangenen Monate. Die Menschen vor Ort wurden direkt gefragt und hatten so die Möglichkeit, ihre Wünsche und Anregungen zu äußern. Dabei wurde deutlich, dass alle die Diskussion um die Betreuungssituation von Kindern für wichtig halten, aber auch die Interessen der älteren Menschen stärker in den Blick nehmen wollen. Bürgermeister Büttner kündigte daher an, den ehemaligen Supermarkt so umzubauen, dass er später für Aktivitäten von Senioren und von Jugendlichen genutzt werden kann.
 
Vanessa Schlevogt beobachtet die Entwicklung zufrieden und optimistisch. Sie spricht von einer starken Verbindlichkeit der Initiativentreffen, in denen klare Verabredungen getroffen und  konkrete Aufträge erteilt werden. So gelangen die Arbeitsergebnisse auch in die Kinderkommission. Erwachsene Begleiter, die der Kommission angehören, leiten die Wünsche und Forderungen der Kinder dann an den Gemeindevorstand weiter.
 
Es ist das kooperative Miteinander in Niederdorfelden, das Juliane Frey so schätzt. „Hier existiert ein ausgesprochen engmaschiges Netz. Jeder kennt eigentlich jeden und viele sind bereit, einander zu helfen“, sagt sie. Wenn der ehemalige Supermarkt erst einmal umgebaut ist, stellt sich die Betreuungssituation im Ort für sie optimal dar. Dennoch hat sie Verständnis für die Bedenken der Gemeinde. „Denn“, so erklärt sie, „jetzt wird mächtig investiert. Doch ob sich der Bedarf an Betreuungsplätzen tatsächlich als so groß erweist, kann uns niemand sagen.“ Aus ihrer Sicht gibt es noch ein weiteres Betätigungsfeld: die außerschulischen Angebote für Grundschulkinder sind noch lückenhaft. Ein Stück ist somit noch zu gehen auf dem Weg zu einer heilen Welt in Niederdorfelden.

Anschwung für frühe Chancen ist ein bundesweites Serviceprogramm für den Aus- und Aufbau 600 lokaler Initiativen für frühkindliche Entwicklung bis Ende 2014. Das gemeinsame Programm des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) unterstützt lokale Initiativen dabei, Antworten auf ihre individuellen Fragen zur Verbesserung der Kindertagesbetreuung zu finden.

Hintergrundinformationen zur Initiative in Niederdorfelden

Mehr Informationen zu Anschwung für frühe Chancen

 


Foto: Piero Chiussi/dkjs

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