„Wir orientieren uns zu stark an formaler Bildung“

 

30.05.2012 - Gerhard Behrens, arbeitet in der Hamburger Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration. Im Interview berichtet er, welche Anstrengungen Hamburg unternimmt, um frühkindliche Bildung gerecht zu gestalten.


Herr Behrens, wer erzieht eigentlich unsere Kinder?

Letztlich entscheiden die Kinder selbst, was und von wem sie aufnehmen, wenn sie die Entscheidungskorridore dafür haben – diese müssen wir möglichst weit öffnen. Ein Erziehungsort kann eine Baustelle sein, wo kleine Kinder gerne hängen bleiben, und das was der Bauarbeiter zu ihnen sagt, bis hin zu den gewöhnlichen Institutionen und Familie.


Dennoch tun wir uns noch schwer, das, was Kinder außerhalb dieser gewöhnlichen Institutionen lernen, als Bildung anzuerkennen. Haben Sie den Eindruck, dass sich daran etwas ändert?

In Deutschland orientieren wir uns noch zu stark an formaler Bildung. Was zählt, ist das Papier, das man in der Tasche hat, samt der Note drauf. Im schlimmsten Fall wird gefragt, wo jemand wohnt und aufgewachsen ist. Auf europäischer Ebene sind wir schon wesentlich weiter. Die EU 27 hat sich im Rahmen des europäischen Qualifikationsrahmens darauf verständigt, die Kompetenzen in den Blick zu nehmen und nicht die Herkunft oder den Abschluss. Das stellt Deutschland vor einen Paradigmenwechsel. Insofern zielen Programme wie die lokalen Bildungslandschaften und Anschwung für frühe Chancen in die absolut richtige und notwendige Richtung, weil sie formale, nonformale und informelle Lernzugänge gleichberechtigt anerkennen. 

 


Diese Programme zielen auch auf eine gute Zusammenarbeit aller Bildungsakteure. Doch schon zwischen den Institutionen Kita und Behörden gibt es Probleme. Erzieherinnen klagen über die Praxisferne der Behörden...  


Davon, dass Entscheidungen irgendwo an runden Tischen entschieden werden und nicht praxistauglich sind, hören wir häufig. Das Problem liegt vor allem darin, die zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel gut zu verteilen. Gerade in unseren ziemlich schweren Zeiten ist die Wahl zwischen Exzellenz und Gießkanne schwer zu treffen. Was für eine Einrichtung, eine Stadt gut ist, muss zumindest nicht das Beste für die anderen sein. Da ein gerechtes System zu finden, mit dem man die Verteilung auch vor den anderen Ressorts rechtfertigen kann, ist schwer.  


Bei dem Programm Anschwung für frühe Chancen geht es nicht zuletzt um Chancengerechtigkeit. Was unternimmt der Stadtstaat Hamburg, um frühkindliche Bildung gerechter zu gestalten? 


Hamburg hat in der letzten Zeit viele richtige Schritte unternommen. Wir haben im Elementarbereich eine ziemlich hohe Quote erreicht: Über 90 Prozent der Kinder ab drei Jahren besuchen die Kita. Unser vorderstes Ziel ist es, die Regelsysteme zu stärken. Wir bauen jetzt die Kitas aus, werden die Beiträge senken und wollen Stadtteile mit sogenannten bildungsfernen Familien besser ausstatten. 

 


Was unternimmt Hamburg, um Kinder aus bildungsfernen Familien und Familien mit Migrationshintergrund möglichst früh zu fördern?  


Wir gehen stark davon aus, dass wir mit dem vorgezogenen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz ab zwei Jahren mit einem Eigenanteil von höchstens 49 Euro für Eltern mit geringem Einkommen diese Kinder noch besser erreichen werden. Wir haben aber auch eine weitgefächerte Hilfelandschaft, indem wir Eltern, die sich für ein System noch nicht entschieden haben oder entscheiden wollten auch Angebote machen. Dafür haben wir zum Beispiel die Eltern-Kind-Zentren, wo es neben der etablierten  Kindertagesbetreuung auch Angebote an die Eltern, inklusive Beratung gibt. 

 


Jedes dritte Kind in Hamburg hat einen Migrationshintergrund. Wird in Hamburg bei der frühkindlichen Bildung auch die interkulturelle Kommunikation zum Beispiel in Form von Brückenbauern gefördert?

Wir brauchen Kulturmittler, die Frage ist nur, wer bezahlt es – die Frage will ich hier nicht abschließend beantworten. Interkulturelle Kommunikation ist in der frühkindlichen Bildung wichtig, wobei wir auch schauen müssen, welchen Anforderungen die Erzieherinnen jetzt schon ausgesetzt sind: Was sollen sie alles können? Und ich behaupte, dass in Kitas interkulturell weit mehr  stattfindet, als auf Papieren geschrieben steht. Weil eine Arbeit mit den Eltern gar nicht mehr möglich ist, wenn man sich nicht austauscht. Doch was interkulturelle Fragen sind, und wie sie in Kitas behandelt werden, lässt sich nicht leicht beantworten. Denn die deutschen Kinder können die gleichen Probleme haben, wie Kinder mit Migrationshintergrund – es ist schwer, zu kategorisieren.  

 


Wo sehen sie noch Handlungsbedarf?


Es kommt jetzt vor allem darauf an, die vielen Angebote, die es in Hamburg schon gibt, zu vernetzen. Eine große Rolle dabei spielt der flächendeckende Ausbau unserer Grundschulen als Ganztagsangebot und als zentrale Lernorte im und für den Stadtteil mit vielen Kooperationspartnern. Daran arbeiten wir mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung zusammen und planen, im Rahmen des Programms Anschwung für frühe Chancen zwei Zukunftskonferenzen in Hamburg zu veranstalten.  


Das Interview führte Katharina Zabrzynski.


Das Interview wurde im Rahmen der Veranstaltung "Kinder stärken - Aber wie?" im Programm Anschwung für frühe Chancen geführt. Mehr zur Veranstaltung finden Sie hier.


Weitere Infos zum Programm finden Sie hier und auf www.anschwung.de.

 


Foto: Piero Chiussi

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