Zur Nachhilfe in die Volkshochschule

Wie kann eine kommunale Lernförderung aussehen? Diese Frage bereitet vielen Städten, Kreisen und Gemeinden Kopfzerbrechen. Der Landkreis Oberhavel versucht es mit einer „Jungen VHS“.

Von Beate Krol

Wenn man vor der Kreisvolkshochschule in Oranienburg steht, fühlt man sich zurück in die Vergangenheit versetzt. Die Tür ist aus hölzernen Kassetten zusammengesetzt, die Fenster sind in viele kleine Fensterchen unterteilt und auf dem Dach sitzen halbrunde Gauben. In Wirklichkeit ist die Kreisvolkshochschule der Zeit um Einiges voraus. Seit 2011 beherbergt das historische Gebäude die „Junge VHS“: In elf nach Klassenstufen gestaffelten, halbjährlichen Kursen können Schülerinnen und Schüler Deutsch, Englisch und Mathematik ihre Noten aufbessern und sich auf Prüfungen vorbereiten. Erfahrene Dozenten, die sich mit den Brandenburgischen Lehrplänen und Prüfungsaufgaben auskennen, leiten sie an.

Der Landkreis Oberhavel möchte mit dieser Alternative zur privaten Nachhilfe für mehr Chancengerechtigkeit sorgen. Mit Preisen zwischen knapp 70 und gut 80 Euro pro Kurs ist die „Junge VHS“ weitaus preiswerter als die Nachhilfe anderer Anbieter, auf die Eltern bislang zurück greifen mussten. Eltern, die Hartz IV oder ergänzende Sozialleistungen beziehen, können die „Junge VHS“ auch mit einem Bildungsgutschein buchen. Damit besteht für sie überhaupt erstmalig eine Chance, ihre Kinder fördern zu lassen, um Klassenwiederholungen oder schlechte Abschlüsse zu vermeiden. Voraussetzung ist lediglich, dass die Schulleitung die Kursteilnahme empfiehlt.

Damit die Eltern das neu geschaffene kommunale Angebot auch tatsächlich nutzen, weisen die Mitarbeiter des Jobcenters Hartz IV-Bezieher explizit auf die „Junge VHS“ hin. Dabei erwähnen sie auch, dass sich die Jugendlichen nicht im Kurs „outen“ müssen. Nur die Verwaltung der VHS weiß, ob jemand den vollen oder den ermäßigten Preis bezahlt. Die Gefahr der Stigmatisierung bei der Lernförderung ist so gebannt – ein Ziel, das bei der Entwicklung der „Jungen VHS“ durch Mitarbeiter des Jobcenters und der Kreisvolkshochschule ganz weit oben stand.

Und wie sieht es mit dem Lernerfolg und dem Lernspaß bei der „Jungen VHS“ aus? Die Schülerinnen und Schüler des Kurses „Lernförderung Mathematik Klassenstufe 8./9.“ sind sehr zufrieden. „Man kann sich in der VHS besser auf das Lernen einstellen als zuhause“, sagt der 15-jährige Kai. Der 13-jährige Joshua ergänzt: „In der Schule ist es oft sehr schnell, hier ist jemand, der mir das noch mal erklären kann.“

Auf die Frage, wer in Mathematik besser geworden ist, heben alle die Hand. „Man meldet sich im Unterricht eher, weil man es besser versteht“, erklärt Joshua. Wie er haben auch die anderen die „Junge VHS“ ihren Freunden schon empfohlen. Kai, der jüngst seine erste Eins in Mathematik geschrieben hat, hat sich sogar vorgenommen, im übernächsten Halbjahr einen weiteren Kurs zu machen.

Wenn die „Junge VHS“ sich in Oranienburg bewährt, will die Kreisvolkshochschule die kommunale Lernförderung auch in ihren Außenstellen anbieten, um die Hürden für eine Teilnahme weiter zu senken. Aber auch über den Landkreis hinaus könnte die „Junge VHS“ Schule machen – als ein gelungenes Modell kommunaler Lernförderung.

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