Oh wie schön ist Schwielowsee!

Von Senem Kaya

„Wir machen weiter!“ Claudia Cremer blickt ernst, aber freudig in die Runde. Ungefähr ein Jahr hat die Kitaleiterin nun gemeinsam mit anderen engagierten Menschen aus Schwielowsee daran gearbeitet, die Bildung, Betreuung und Erziehung kleiner Kinder in ihrem Ort zu verbessern. Heute, am 29. November 2012, sind die vier Arbeitsgruppen der Anschwung-Initiative zusammen gekommen, um ihre Ergebnisse der Öffentlichkeit zu präsentieren und zu besprechen, wie es weiter gehen soll. Schnell wird dabei klar, aufhören will hier niemand. „Es wäre zu schade, wenn jetzt nichts mehr passiert“, betont Ralf Paulsen-Meinas, Vater einer achtjährigen Tochter, dafür ist schon zu viel angestoßen worden.

Kinder brauchen Vielfalt

Claudia Cremer ist Verantwortliche des Teams Ehrenamt. „Wir wollten die Potentiale unseres schönen Ortes besser nutzen“, erklärt sie, denn „Kinder brauchen mehr Vielfalt und Anregungen, als ich ihnen als Erzieherin alleine geben kann.“ Und wer könnte seinen Beruf lebendiger vermitteln als der Fischer oder Bäcker selbst? Wer kann einfühlsamer Geschichten erzählen als die Vorlese-Oma? Und wer baut besser Vogelhäuschen als Opa Meyer? „Wir arbeiten in unserer Schule schon sehr viel mit Kooperationen“, erzählt Cathrin Rudzinski, Schulleiterin der Ganztagsschule im Stadtteil Caputh und Mitglied in der Arbeitsgruppe Ehrenamt. Jede Kita und Grundschule hat ihre Möglichkeiten zusammengefasst und den anderen zur Verfügung gestellt. Auf diese Weise ist ein Ordner entstanden, der nicht nur die Kontakte von Ehrenamtlichen enthält, sondern auch Infos zu den Konditionen, unter denen sie sich engagieren. Sucht nun eine Kita nach aufgeschlossenen Senioren zum Basteln, sehen die Erzieherinnen und Erzieher sofort, dass Frau Öztürk gerne mit den Kleinen malt und jeden zweiten Dienstag Zeit hat.
„Viele Leute wissen gar nicht, dass sie für die Kinder interessant sein könnten“, sagt Heinz Ofcsarik, Ortsvorsteher des Stadtteils Geltow, und mustert interessiert den Wunschzettel der Kitas und Schulen und verspricht ihnen, dabei zu helfen, neue Kooperationen anzustoßen.

Austausch zwischen den Arbeitsgruppen


„Ehrenämtler könnten doch auch dabei helfen Jugendclubs zu beleben?“ Als Petra Borowski, Jugendbeauftragte der Gemeinde Schwielowsee, die Ergebnisse des Teams „Freizeitmöglichkeiten“ vorstellt, finden sich Anknüpfungspunkte zwischen den einzelnen Arbeitsgruppen und man beschließt, sich auszutauschen. Das Team hat Kinder und Jugendliche im Ort gefragt: Was macht ihr in eurer Freizeit? Fehlt euch etwas? Und was wünscht ihr euch? Anhand der Ergebnisse soll nun die Kinder-Freizeit-Karte Schwielowsee überarbeitet werden. „Es ist schön zu sehen, wie zufrieden die Kinder und Jugendlichen sind“, freut sich Kerstin Hoppe, Bürgermeisterin der Gemeinde, über die Antworten. Trotzdem – ein öffentlich zugänglicher Bolzplatz wäre toll und kreative Angebote wie Tanz oder Musik. „Unsere Arbeit geht jetzt erst richtig los.“ Engagierte Eltern, Pädagogen und Vertreter aus Verwaltung und Politik  planen, die gewünschten Formate in Jugendclubs anzubieten. Aber DJs, Hip Hop-Coaches und anderes Personal ist teuer – ehrenamtliche Helferinnen und Helfer könnten da eine gute Idee sein.

Anschwung hat uns zusammen gebracht

Über den Bau eines Bolzplatzes und die Planung eines Familienzentrums muss die Gemeinde entscheiden. Kerstin Hoppe hat es sich schon notiert und wird die Wünsche mit in den Haushalt nehmen. „Ich bin froh über die vielen Impulse, die ich hier bekomme.“ Der Politikerin ist es wichtig, zu wissen, was die Bürgerinnen und Bürger denken. Zusammen mit dem Programm Anschwung für frühe Chancen hatte sie deshalb im Dezember 2011 Interessierte zur Zukunftskonferenz eingeladen. Kinder- und Familienfreundlichkeit spielen in der Gemeinde eine große Rolle. „Wir wollten sehen, wo wir wirklich stehen.“
Heute ist sie begeistert. So viele konkrete Ergebnisse hätte die Politik innerhalb eines Jahres alleine nie erzielen können. Ganz abgesehen von den Ideen und Wegen, die sie ohne Anschwung vielleicht nicht gegangen wäre. „Anschwung hat uns zusammengebracht“, meint auch Cathrin Rudzinski, zwar gab es in Schwielowsee schon vorher einzelne Kooperationen und Netzwerke, aber diesmal haben zum ersten Mal Menschen unterschiedlichster Berufe gemeinsam an einem Thema gearbeitet. „Und das merkt man“, Ralf Paulsen-Meinas kennt das Prinzip der Zukunftswerkstätten aus seinem Beruf als Industriedesigner und ist nicht nur beeindruckt von den erzielten Resultaten, sondern auch von der Prozessbegleitung: „Frau Dr. Schulenburg hat das Klasse gemacht.“     

Im Mittelpunkt stehen die Kinder


Umgekehrt ist auch die Prozessbegleiterin voller Lob für die Schwielowseer und betont vor allem die außergewöhnliche Offenheit, mit der sich die drei Kitas zum Wohl der Jüngsten einsetzen. „Unser Ziel ist, ein externes Qualitätssiegel“, sagt Kerstin Büchler. Die Arbeitsgruppe um die Leiterin der Kita Ferch will die frühkindliche Förderung in Schwielowsee verbessern. Hierfür haben sich die Kitas der verschiedenen Stadtteile nicht nur gegenseitig geöffnet und ihre Arbeit verglichen. Sie haben sich auch bewertet an Hand der Kriterien des Landkreises. Jede Erzieherin hat für sich reflektiert, wie sie ihre täglichen Aufgaben erledigt. Wie gehe ich mit den Kindern um? Kann ich bei der Dokumentation etwas verbessern? Und wie kommuniziere ich mit den Eltern? „Wir alle tun unsere Arbeit jetzt bewusster“, freut sich Kathrin Büchler. Und das merken in erster Linie die Kinder. Damit das so bleibt, wollen die Kitas sich alle zwei Jahre selbst überprüfen.

Loslegen – von Anfang an


Monika Nebel, Schulleiterin der Meusebach-Grundschule und Verantwortliche der Portfolio-Gruppe, erzählt, wie enttäuscht die Kinder zu Beginn der ersten Klasse sind, wenn sie in der Schule das Gleiche machen wie in der Kita. Um das zu vermeiden und gleichzeitig die Pädagogen zu entlasten, hat die Arbeitsgruppe Materialien für den Übergang zwischen den Einrichtungen entwickelt. In der Kita erstellen die Kinder ein Heft und nehmen es mit in die Schule, die Lehrenden können so den Stand der Kinder einschätzen „und direkt richtig loslegen“, erklärt Mandy John, Erzieherin der Kita Ferch, das Prinzip. Zur nächsten Einschulung werden die neuen Materialien erprobt und nach eventuellen Verbesserungen auch anderen Kitas und Schulen zur Verfügung gestellt.  

Zum Abschluss bringt Claudia Cremer die Stimmung auf den Punkt, „es gibt noch jede Menge zu tun!“ Doch auch Fritzi Rothe von der Meusebach-Grundschule, spricht den Teilnehmenden aus dem Herzen, wenn sie zugibt: „Ich bin ein bisschen stolz darauf, was wir alles geschafft haben.“ Und Petra Borowski formuliert den Grund, warum sie heute alle da sind und schon 12 Monate gemeinsam gearbeitet haben: „In Schwielowsee zählen Kinder und Jugendliche genauso viel wie Erwachsene.“


Anschwung für frühe Chancen ist ein bundesweites Serviceprogramm für den Aus- und Aufbau 600 lokaler Initiativen für frühkindliche Entwicklung bis Ende 2014. Das gemeinsame Programm des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) unterstützt lokale Initiativen dabei, Antworten auf ihre individuellen Fragen zur Verbesserung der Kindertagesbetreuung zu finden.

 

Hintergrundinformationen zur Initiative Schwielowsee

Mehr Informationen zu Anschwung für frühe Chancen

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