Ein Haus für alle – Das Interkulturelle Familienzentrum tam. in Berlin-Kreuzberg

von Britta Kuntoff

Die drei Jungs sind viel zu laut, sie sind viel zu unruhig – kurz: Sie sind viel zu falsch. Jedenfalls ist es das, was die junge Frau immer wieder über ihre Kinder hört. Sie ist alleinerziehend, Hartz IV-Empfängerin mit Migrationshintergrund und mit dem Alltag oft genug überfordert. Was kann da schon aus den Kindern werden?

Was Gutes, denn die drei Jungen haben es drauf. Man muss sie nur lassen, ihnen die passende Umgebung geben. Der heutige Spiele-Nachmittag im Familienzentrum scheint dafür genau richtig zu sein. Pantomime steht auf dem Programm: ungeahnte Konzentration beim Boxweltmeister-Nachahmen, nie erlebtes Stillsitzen bis die Mutter endlich den dargestellten Beruf des Baukran-Führers erraten hat. Dass die Kinder mit Spaß bei der Sache bleiben können, dass die Mutter sie dazu motivieren kann, ist eine Erfahrung, die für alle mit gestiegenem Selbstwertgefühl einhergeht. Stärke vermitteln, Kraft geben – genau darum geht es den Akteuren rund um das Interkulturelle Familienzentrum tam. in der Berliner Wilhelmstraße 116 /117. Am 24. August öffnete es offiziell seine Pforten. Es ist auf dem allerbesten Wege, im rauen Kreuzberger Kiez eine echte Oase zu werden.

Die Region zwischen Koch- und Wilhelmstraße gehört zu den so genannten sozialen Brennpunkten der Hauptstadt. Hier leben viele Menschen, die Transferleistungen beziehen, viele mit Migrationshintergrund, Kinderarmut ist keine Seltenheit. Manche der Jungen und Mädchen haben weit mehr auf ihren Schultern zu tragen als die Last ihres Kitarucksackes oder ihrer Schultasche. Ein hartes Pflaster, in dem so mancher leicht den Halt verlieren kann. Damit das nicht passiert, damit Familien ihren Ort finden und Kinder besser aufwachsen können, deshalb gibt es das Interkulturelle Familienzentrum tam. Träger der Einrichtung ist das Diakonische Werk Berlin Stadtmitte e.V. in Kooperation mit dem Jugendamt Friedrichshain-Kreuzberg. Zum Haus gehören eine Kindertagesstätte, Familien- und Sozialberatung und ein Familiencafé.

„Das Diakonische Werk betrieb bisher schon einen kleinen Familientreffpunkt“, erzählt Ulrike Koch, die Leiterin: „Jetzt vergrößern wir uns und eine Kita mit 100 Plätzen kommt dazu. Es gibt schon mehrere kleine Elterncafés in der Gegend. Das neue tam. soll viele Einzelteile zu etwas Größerem verbinden, hier soll alles unter einem Dach stattfinden. Wir sind ein offenes Haus, für alle Eltern der Region.“ Für Ulrike Koch und ihr Team ist es eine Herzensangelegenheit, die Angebote so zu gestalten, dass sie den Bedürfnissen der Familien entsprechen. „Um das hinzukriegen, kooperieren wir mit der Kurt-Schumacher-Grundschule und zwei Kitas des Kindergärten City Eigenbetriebs, weil wir ganz oft mit den gleichen Eltern arbeiten und zu gemeinsamen Angeboten im Bereich Familienbildung und -förderung kommen wollen“, sagt die engagierte Frau mit den wachen Augen und dem großen Tatendrang. „Dafür brauchen wir ein gemeinsames Bildungsverständnis.“

Zusammenkommen, sich austauschen, Probleme schildern, Lösungen finden, Projekte auf den Weg bringen – in diesem Teil Kreuzbergs geschieht das im großen Stil. „Allerdings war das manchmal mühsam“, berichtet Songül Süssem-Kessel, die Koordinatorin der Stadtteilmütter, einem Projekt des Diakonischen Werkes Berlin. Die in der Türkei geborene Kurdin ist selbst Mutter eines Sohnes. „Ich bin bei unseren Treffen oft in eine Art Rollenkonflikt geraten“, sagt sie: „Zum einen wollten wir unser Anliegen, unsere Ansätze anbringen, zum anderen mussten wir die Diskussion leiten.“

„Deshalb haben wir uns an das Programm Anschwung für frühe Chancen gewandt und ganz schnell und unkompliziert eine Prozessbegleiterin für unsere Zusammenkünfte bekommen“, freut sich Ulrike Koch: „Als Jetti Hahn zu uns kam, hat sie sofort die Aufgabenstellung erfasst, sie bereitet die Treffen super vor und gibt unserem Austausch durch ihre Moderation eine sehr gute Struktur. Das hilft uns, die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen zu verbessern.“ Bereits dreimal hat sich die Initiative für frühe Chancen zu dem Thema „Familienbildungsverbund Wilhelmstraße“ seit dem 25. April 2012 getroffen. Bis Mai 2013 stehen alle sechs Wochen weitere Treffen an. Das große Ziel dabei: die Angebote für Familien und Kinder gemeinsam zu gestalten und die Kooperationen der verschiedenen Bildungseinrichtungen zu verbessern, um so zu einer guten Zusammenarbeit mit den Müttern und Vätern zu kommen. Mouhammed Issmail von der Erziehungs- und Familienberatungsstelle Mehringdamm war bei den letzten Zusammenkünften dabei. „Dort sitzen Frauen und Männer zusammen an einem Tisch, die alle an verschiedenen Orten mit Menschen zu tun haben, die mit ganz ähnlichen Problemen zu ihnen kommen“, berichtet der Syrer mit deutschem Pass: „Deshalb ist es ganz wichtig, dass wir uns vernetzen. Alles ist noch im Entstehen. So können wir gemeinsam Ideen entwickeln und schauen, welche Bedürfnisse es gibt.“ Issmail ist überzeugt, dass die Arbeit des Familienbildungsverbundes Früchte trägt: „Durch die Prozessbegleiterin von Anschwung sind wir effektiver. Sie hält unsere Ideen fest und bringt uns auf den Weg, daraus Konkretes für die Praxis zu entwickeln.“

Auch Jana Hunold vom Fachdienst Koordination frühe Bildung und Erziehung des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg zeigt sich von der Prozessbegleiterin begeistert: „Da steckt eine hohe Professionalität dahinter. Es ist eine wichtige Unterstützung, um ganz unterschiedliche Perspektiven aufzugreifen, respektvoll im Prozess zu verbinden und dabei wirklich alle mitzunehmen.“ Auch die gemeinsame Reise mit den anderen Akteuren zur Fachtagung des Anschwung-Programms nach Leipzig im Juni dieses Jahres war für die resolute Fachkraft bereichernd.

„Wenn ich genau weiß, was das Familienzentrum anbietet und welche Menschen dahinter stehen, ist das nur gut für die künftige Zusammenarbeit“, beschreibt Frau Bauer-Sheari vom Regionalen Sozialen Dienst des Jugendamtes Friedrichshain-Kreuzberg ihre Motivation, bei den Treffen der Initiative dabei zu sein. „Zu wissen, welches Gesicht zu einem Menschen gehört, dessen Nummer man sonst nur in den Apparat getippt hat, hilft enorm“, meint Frau Bauer-Sheari: „Viele der Teilnehmer und Teilnehmerinnen kannte ich nur vom Telefon. Jetzt ist der Austausch enger und unkomplizierter. Beispielsweise habe ich mich mit der Kita-Leitung auf direktem Wege über die Schwierigkeiten einer Frau ausgetauscht, die fällige Kita-Gebühren nicht gezahlt hatte. Um einer Kündigung des Kita-Platzes entgegenzuwirken, habe ich dann sofort alles Nötige für diese Frau und ihr Kind in die Wege geleitet.“

Lutz Geburtig, Schulleiter der Kurt-Schumacher-Grundschule, profitiert ebenfalls vom Kennenlernen: Demnächst steht ein Umbau der Schule an. Auch die Kita Kochstraße 8, die sich das Gelände mit der Schule teilt, wird saniert. Davon hat der Schulleiter erst durch den Anruf von Jana Hunold gehört. „Ohne mich zu kennen, hätte sie nicht angerufen. Und ohne das Telefonat hätten wir wohl zu spät davon erfahren. Jetzt können wir uns abstimmen und hoffentlich Potentiale nutzen“, meint Lutz Geburtig. Für ihn sind die Treffen ein Erfolg: „Wir sind alles andere als ein Debattierclub. Die Unterstützung durch Anschwung ist großartig. Wir labern nicht, es geht in die Praxis. Dieser Schritt steht jetzt an.“ Geburtig und die koordinierende Erzieherin der Schule Doris Vogt wollen ihre Schule nach außen öffnen. „Unsere Schule hat viel zu bieten, von zwei Turnhallen über einen Tonofen bis zu einem Mehrzweckraum mit Bühne“, zählt sie auf, „das alles kann hier von den Kitas oder dem Familienzentrum genutzt werden. Oder wir könnten Kollegen für Kurse im Familienzentrum stellen. Wir hoffen, dass das den Eltern die Schwellenangst nimmt, ihre Kinder zu uns zu schicken und aktiv am Schulleben ihrer Kinder teilzunehmen.“ „Die Eltern sind letztlich die Profis im Umgang mit ihren Kindern. Sie haben das Wissen. Doch das zu teilen, gelingt uns allein im Moment meist gar nicht. Wenn wir beispielsweise zu Elternabenden einladen, kommt niemand. Doch warum das so ist, das erfahren wir nicht“, erzählt Lutz Geburtig, dessen Schülerschaft zu 95% einen meist türkischen oder arabischen Migrationshintergrund hat. „Vielleicht schaffen wir den Austausch über das Familienzentrum, wo Menschen arbeiten, die einen ganz anderen Zugang zu den Eltern haben“, hofft die Erzieherin.

Detlef Hoppe, kommissarischer Leiter der Kita Wilhelmstraße, sieht sich als Mann der Praxis: „Ich will oft gleich an das Konkrete gehen. Die Prozessbegleiterin bringt das Gespräch dann in die richtige Bahn. Beim letzten Mal hat sie angeregt, sich in kleiner Runde zu treffen, um praktische Angebote zu entwerfen. Da ich einen Eltern-Kind-Chor ins Leben rufen möchte, ist es schön, zu wissen, dass ich durch die Initiative auch auf den Instrumentenfundus der Schule zurückgreifen könnte.“

Noch riecht es nach frischer Farbe im tam. Nächstes Jahr soll das Programm des Familienzentrums stehen. So vielfältig, wie die Nationalitäten der Menschen, die hier arbeiten. Nurhayat Skrotzki ist eine von ihnen. Sie wird unter anderem Spiel-Kurse im tam. leiten. „Wir sind Mütter aus dem Kiez, genauso wie die anderen auch. Deshalb sprechen die Mütter uns an und finden leicht Vertrauen“, sagt sie und lächelt: „Ganz oft schaffen wir es so, eine Brücke zwischen Eltern, Kita und Schule zu sein.“ Für Sarah Kolait ist es ganz klar, weshalb sie und ihre beiden Kinder oft im tam. sein werden: „Wir fühlen uns hier respektiert und wertgeschätzt. Das ist gut für mich und meine Kinder. Und deshalb kommen wir sehr gerne hierher.“

Anschwung für frühe Chancen ist ein bundesweites Serviceprogramm für den Aus- und Aufbau 600 lokaler Initiativen für frühkindliche Entwicklung bis Ende 2014. Das gemeinsame Programm des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) unterstützt lokale Initiativen dabei, Antworten auf ihre individuellen Fragen zur Verbesserung der Kindertagesbetreuung zu finden.


Hintergrundinformationen zur Initiative Berlin Wilhelmstraße

Mehr Informationen zu Anschwung für frühe Chancen

 

 


Foto: dkjs

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