Neuer Schwung dank Anschwung

Von Stefan Lüke
 
„Es bleibt nicht beim Schwätza“, hatte eine Teilnehmerin bei der örtlichen Zukunftskonferenz verlangt. Knapp neun Monate sind seitdem verstrichen. Bürgermeister Eberhard Wolf hat sich diese Worte zum Auftakt der Initiative Anschwung für frühe Chancen in seiner 5154 Seelen zählenden Gemeinde St. Johann zu Herzen genommen. Fragt man ihn nun ein paar Monate später, dann ist er davon überzeugt, dass sich etwas getan hat in dem kleinen baden-württembergischen Ort auf der schwäbischen Alb. „Wir müssen und werden die Energie und das Geld aufbringen, um das Angebot an Betreuungsplätzen für die unter Dreijährigen auszubauen. Nicht nur weil wir dazu per Gesetz verpflichtet sind, sondern in erster Linie weil wir es den Kindern schuldig sind. Es ist unsere Aufgabe, nicht nur verlässliche Betreuung, sondern auch frühkindliche Bildung sicher zu stellen.“ Auf diesem Weg sieht der Bürgermeister seine Gemeinde ein gutes Stück vorangekommen – „auch dank des Programms Anschwung für frühe Chancen“.
 
Dass die Betreuung der unter Dreijährigen die größte Herausforderung für St. Johann darstellt, wurde bei der Zukunftskonferenz im Frühjahr 2012 deutlich. Bestätigt sah man sich auch durch die Befragung von 472 Eltern mit Kindern im Alter von null bis zehn Jahren. Diese ergab, dass die neun vorhandenen Plätze bei weitem nicht ausreichen. 22 weitere werden benötigt. Doch es ist eben diese Bedarfsfrage, die die Diskussion im Ort anheizt: Soll die Haushaltskasse für einen Neu- oder Umbau einer Kita, die auch für die Kleinkinder geeignet ist, belastet werden, obwohl die Zahl der Kinder in den nächsten Jahren laut aller Prognosen zurückgehen wird? „Ja“, sagt der Bürgermeister, fügt aber schnell hinzu: „Klar ist aber auch, dass wir uns von der Wunschvorstellung, in allen sechs Ortsteilen ein entsprechendes Angebot vorhalten zu können, verabschieden müssen.“ Ein Architektenbüro prüft nun die Möglichkeiten an den unterschiedlichen Standorten.
 
Klara Engl-Rezbach unterstützt die Kommune als Prozessbegleiterin. Sie ist überzeugt: Wenn so viele Akteure einer Gemeinde zusammenarbeiten, trägt das zu einer größeren Sicherheit und Klarheit bei der Beantwortung der Fragen bei, was vor Ort benötigt wird und wo man es am besten umsetzt. Ideen sammelte das Initiativenteam unter anderem bei zwei Hospitationsreisen. „St. Johann ist bereits ein gutes Stück weitergekommen. Es ist eine Haltung da, alle mitzunehmen und zu beteiligen.“ Dafür gilt nicht zuletzt Bürgermeister Wolf als Garant. Er sorgte dafür, dass die Initiative an einer Gemeinderatssitzung teilnehmen und sich Gehör verschaffen konnte.
 
Diese Form von Transparenz und Dialog begrüßt auch die Vorsitzende des Sängerbundes im Ortsteil Bleichstetten, Uta Seibold. „Die Interessenlosigkeit steigt und die Bereitschaft, sich zu engagieren, nimmt immer mehr ab. Auch darum ist diese Initiative so wichtig“, meint sie und hofft, dass Anschwung für frühe Chancen etwas Positives bewirkt. Zugleich verlangt sie: „Der Staat muss mehr tun, damit Eltern ohne schlechtes Gewissen arbeiten gehen können. Und dafür muss mehr Geld und Personal für die Einrichtungen zur Verfügung gestellt werden.“
 
Die Bedeutung hoher Qualität in Kindertageseinrichtungen hebt Manuela Wendler hervor. Die Mutter zweier Kinder im Alter von zwei und fünf Jahren war lange Zeit im Elternbeirat der Kita Würtingen aktiv. „Schon in der Kita muss mit den Kindern pädagogisch gearbeitet werden. Sie müssen dort abgeholt werden, wo sie gerade stehen.“ Damit diese Qualität zusätzlich gesteigert und gesichert werden kann, werden Fachkräfte aller existierenden Einrichtungen momentan für die Arbeit mit Kindern unter drei Jahren qualifiziert.
 
Um Qualität geht es auch, wenn ein weiteres Ziel des Programms Anschwung für frühe Chancen ins Visier genommen wird – die Vernetzung der Akteure vor Ort. Gemeinderäte, Eltern, Vereine und auch die Schule kooperieren viel stärker als in der Vergangenheit. Gemeinsam versuchen sie, aus den örtlichen Gegebenheiten das Beste für die Kinder und ihre Bildungs- und Startchancen zu machen. Man ist kreativ. So werden die Räumlichkeiten einer Kita, die von zwei auf eine Gruppe verkleinert werden musste, von Tagesmüttern genutzt. In einer anderen Einrichtung treffen sich Grundschulkinder, die nach dem Unterricht die „verlässliche Betreuung“ – im Hort – besuchen.
 
Das Programm hat Schwung in die Gemeinde gebracht. Viel stärker als früher werde nach Ansicht des Bürgermeisters das Thema Bildung und Erziehung in den Mittelpunkt gestellt. Manuela Wendler ist optimistisch, dass die derzeitige Entwicklung zu „mehr Gemeinschaft in St. Johann führen kann.“ Und ihr Bürgermeister greift noch einmal die Forderung auf, es dürfe nicht beim Schwätza bleiben: „Wir haben jetzt eine breite Basis, die uns unterstützt. Ich bin sehr optimistisch, dass wir unsere Ziele, was die Betreuungsplätze für die Kinder unter drei Jahren bis Ende 2013 betrifft, erreicht haben werden.“

Anschwung für frühe Chancen
ist ein bundesweites Serviceprogramm für den Aus- und Aufbau 600 lokaler Initiativen für frühkindliche Entwicklung bis Ende 2014. Das gemeinsame Programm des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) unterstützt lokale Initiativen dabei, Antworten auf ihre individuellen Fragen zur Verbesserung der Kindertagesbetreuung zu finden.

Hintergrundinformationen zur Initiative in St. Johann


Mehr Informationen zu Anschwung für frühe Chancen

 


Foto: dkjs

Feedback:
Social Networks:FacebookTwittergoogle.comMister Wong