Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung verändert - aber wie?

Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung muss und will verändern - das ist ihr Stiftungsauftrag wie auch die Verpflichtung: Als Bildungsstiftung wollen wir dazu beitragen, dass soziale Herkunft nicht über Bildungserfolg bestimmt, dass Kinder und Jugendliche entdeckungsfreudig bleiben, ihre Stärken kennen, sich etwas zutrauen, unsere Gesellschaft und ihr eigenes Leben aktiv gestalten. Wir möchten, dass Pädagoginnen und Pädagogen genauso wie Menschen in Bildungsverwaltungen zuversichtlich und kompetent an eben diesen Zielen arbeiten – und Erfolge genießen können. Dass sich also die Menschen nicht hinter dem System Bildung verstecken, sondern sich ermächtigen, ihre Sache in Zusammenarbeit mit anderen so gut wie möglich zu machen. An den Evaluationen unserer Programme und daran, dass uns vor allem öffentliche Partner zunehmend Verantwortung für wichtige Entwicklungsaufgaben im Bildungswesen übertragen, sehen wir, dass die Stiftung wirksame und nützliche Unterstützung leistet. Wodurch gelingt das?


Systemischer Blick

Um wirkliche und langfristige Verbesserungen zu erreichen, schauen wir nicht nur auf einzelne Symptome, sondern auch auf das umgebende System. Wenn wir z.B. durch private Förderer die Möglichkeit erhalten, Lehrerinnen und Lehrer in individueller Förderung fortzubilden – eine der momentan wichtigsten Aufgaben im deutschen Schulsystem –, bemühen wir uns gleichzeitig um eine Zusammenarbeit mit den staatlichen Fortbildungsinstituten. Lernsettings, die sich in unserem Programm als besonders nützlich erweisen, können so den sogenannten Regelstrukturen helfen, öffentliche Gelder wirksamer einzusetzen.


Stärkeorientierung

Über Probleme lässt sich nahezu endlos reden – ins Verändern kommt man aber meist schneller, bleiben die Defizite erst einmal außen vor. Wie zum Beispiel können sich Schulen binnen eines Jahres in eine Ganztagsschule umwandeln? Wie gewinnen junge Menschen Zuversicht, dass sie ihr Leben selbstständig meistern können? Was ist die Voraussetzung dafür, dass Kommunen attraktiver für Familien mit kleinen Kindern werden? In allen drei Fällen wirkt erleichternd: Wenn sich alle Beteiligten zuerst ihrer Stärken, Wünsche und Ziele bewusst werden. Wenn die Ganztagsschule ihr Konzept von dort aus entwickelt, wo sie schon im halbtägigen Betrieb gut war – z.B. im Sport. Wenn junge Menschen erleben, dass sie Durchhaltevermögen besitzen, besonders kreativ oder handwerklich begabt sind oder etwas erschaffen, was von anderen anerkannt wird. Kommunen, die sich verstärkt für eine gute frühe Bildung engagieren wollen, erarbeiten sich zuerst ein Wunsch- und Meinungsbild und starten ihre Projekte mit einer Zukunftskonferenz – so sammeln sie Energie und Verbündete. Die DKJS hat Stärkeorientierung als ihre bevorzugte Perspektive gewählt. Sie fragt Menschen, was möglich ist. Denn oft wird der erste Schritt in eine neue Richtung nicht getan, weil sofort ein Gegenargument, eine Begrenzung aufgestellt wird. Wenn man Veränderungen von den eigenen Stärken und Wünschen aus angeht, vermindert sich der Widerstand. Leider sind die Beharrungskräfte in steuernden Strukturen oft immer noch stärker als die Lust, Visionen ein Stück näher zu kommen. Warum mit Menschen, Häusern, Organisationen kooperieren, „die doch dafür gar nicht zuständig sind“ und vielleicht alles „noch komplizierter machen“? Deshalb gehört für mich zum Verändern auch eine Portion positive Penetranz, gern gepaart mit Freundlichkeit und der Bereitschaft, sich auch einmal einen anderen Hut aufzusetzen und aus unterschiedlichen Perspektiven eine Sache zu betrachten.


Gemeinsame Ziele

Sie sind die Basis für Veränderungen, die sich nicht immer in einem Beziehungsgefüge auf Augenhöhe abspielen. Vermittlung zwischen unterschiedlichen Perspektiven ist notwendig, wenn zum Beispiel Wirtschaftspartner Projekte im Bildungsbereich finanzieren. Ihr Geld wird meist dringend benötigt, jedoch kommt es oft zum Widerstreit zwischen dem Schutzauftrag von Bildungseinrichtungen gegenüber jungen Menschen einerseits und den Kommunikations- und Werbebedürfnissen der Unternehmen andererseits. Ob die Haltungen und Handlungsweisen der potenziellen Partner zueinander gebracht werden können, zeigt sich, wenn die DKJS Prozesse moderiert, bei denen gemeinsame und für alle tragfähige Ziele ausgehandelt werden.


Prozesse moderieren und unterstützen

ist eine gefragte Expertise der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Manch notwendige Veränderung wird nicht begonnen, weil Akteure Angst davor haben, dass etwas schiefgeht oder das nötige Handwerkszeug fehlt. Eine Pädagogin aus einem Kita- Grundschul-Tandem beschreibt das so: „Wir wollten immer irgendwie alles machen und haben aus Überforderung gar nichts gemacht. Durch die Praxisbegleiterin haben wir unsere Ziele strukturiert und gehen nun in kleinen Schritten vor. Das dauert zwar länger, führt aber zum Ziel.“ Mutmachen funktioniert in diesem Fall über eine Unterstützung bei der Gestaltung von Prozessen durch eine professionelle Begleitung. Die DKJS gibt methodische Hilfestellungen nicht nur mit Blick auf Prozesse, sondern etwa auch auf Akquise, Öffentlichkeitsarbeit oder Partnerstrategien.


Ressourcen entdecken und bündeln

ist ein Jonglageakt, den die besten Veränderer virtuos beherrschen. Umtriebige Schulleiter, Kita- oder Projektleiterinnen, die Leuchttürme in Sachen Bildung aufgebaut haben, machen es immer wieder vor. Dennoch ist neben „Das kann ich nicht“ oder „Das will ich nicht“ fehlendes Geld ein häufiger Grund, Veränderungen nicht anzugehen. Auch für die DKJS als Bildungsstiftung, die alle Programme mit Mitteln von Partnern umsetzt, kann dies schnell zu einem K.o.-Kriterium werden. Auch deshalb werben wir ressourcen- und potenzialorientiert für Gemeinschaftsaktionen: von öffentlichen und privaten Akteuren, von bundesweiten, lokalen oder regionalen Förderern. Wir überlegen: Welche Partner können welche Art von Förderung einbringen? Wie kann man diese mit Mitteln anderer Partner koppeln, so dass daraus ein realisierbares Ganzes entsteht? Welche vorhandenen (Landes-)Strukturen können eingebunden werden, die auch gleich der Garant für Langfristigkeit sind? Und wo wird Geld mit dem gleichen Zweck, aber bisher ohne hinreichenden Erfolg investiert? Eine Schwierigkeit nimmt für die DKJS zu: Die öffentliche Hand lädt sie zwar zu gemeinsamen Veränderungen ein, setzt für die Umsetzung der Aufgaben dann oft jedoch Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds ein. Diese Mittel dürfen keine sogenannten Regelförderungen ersetzen – Maßnahmen dürfen z.B. nicht direkt in den Unterricht wirken – und sie sind besonders stark reglementiert. Wirkung kann damit nicht optimal garantiert werden, der Verwaltungsaufwand dagegen steigt.


Peer-to-Peer-Settings

Ob sich die Qualität in Kitas, Schulen, Jugendeinrichtungen oder etwa in der Berufsbildung in den nächsten Jahren verbessern wird, hängt davon ab, welcher Wert der Qualifizierung des pädagogischen Personals beigemessen wird. Das Praxiswissen der DKJS dazu ist reich, weil wir nach (Fortbildungs-)Formaten suchen, die für die Teilnehmenden den größten Lerngewinn bringen. Gefunden haben wir sie in Peer-to-Peer-Konstellationen, bei denen von- und miteinander gelernt wird: dicht an der eigenen Praxis, in verständlicher Sprache, in vertrauensvoller Atmosphäre. Dazu gehören Mitwirkungsseminare von Schülern für Schüler, Hospitationsreisen und Schulnetzwerke, Projekttreffen mit Fortbildungsanteilen für die Jugendhilfe- oder Freiwilligenszene und Forschungswochenenden für Erzieherinnen und Lehrkräfte in Lernwerkstätten. Um Veränderungen im Bildungswesen voranzubringen, empfehlen wir „entgegenkommende“, lustmachende (Weiter-)Bildungsangebote. Denn Investitionen in Haltung und Handwerkzeug der pädagogischen Profis bringen bildungsökonomisch die meiste Rendite.


Evaluation

Wenn finanziell und durch eine ausreichende Programmlaufzeit möglich, lassen wir die Wirkung unserer Arbeit extern evaluieren. Wirksamkeit nachzuweisen und dabei über das Verhältnis von Aufwand und Nutzen auskunftsfähig zu sein, wird in Zukunft immer wichtiger. Deshalb ringt die DKJS darum, auch Mittel für wissenschaftliche Begleitforschung zu erhalten. Denn als Anwälte fremden Geldes und als Veränderungsakteur im Bildungswesen wollen wir zum Nachdenken darüber beitragen, wie finanzielle Mittel am wirksamsten für die Förderung junger Menschen eingesetzt werden können.


Anerkennungsmomente

Die finden wir in der Bildungsszene insgesamt und in der Zusammenarbeit von Verwaltung und Praxis im Besonderen zu wenig. Deshalb verstehe ich es als Teil unserer Arbeit, zum Erfolg zu gratulieren oder Anstrengung zu würdigen. Mit Zertifikaten, wertschätzender Pressearbeit, Fachkongressen oder auch einfach einem schönen Blumenstrauß.

Zuversicht und Lust auf Veränderung

scheint manchen Menschen nie auszugehen. Andere brauchen Ermutigung, Erleben, Erfolge. Zum Kapital der DKJS gehört die Zuversicht der Mitarbeitenden und der Partner darin, dass Lösungen für Aufgaben im Bildungsbereich gefunden werden können. Im Partnernetzwerk der DKJS treffen sich Praxis, Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft und Stiftungswesen. Es ist offen für Allianzen und ungewöhnliche Handlungsvorschläge. Wenn wir Ihre Lust geweckt haben, gemeinsam mit uns Bildung in Deutschland zu gestalten und notwendige Veränderungen zu wagen: Kommen Sie auf uns zu!

Dr. Anja Durdel leitet den Geschäftsbereich Programme & Kommunikation der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung.


Der Artikel wurde zuerst im Jahrbuch 2011 der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung veröffentlicht.

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