Damit Eltern sich willkommen fühlen

08.06.2012/Leipzig - Wie gelingt eine gute Zusammenarbeit zwischen Eltern, Kitas, Schulen und anderen Einrichtungen der frühkindlichen Förderung? Wie kann so eine Kooperation  aussehen? Und warum  braucht man sie überhaupt? Um diese Fragen drehte sich die erste regionale Fachtagung des Programms Anschwung für frühe Chancen in Leipzig.

Rund einhundert Gäste waren angereist zum Kompetenzzentrum „GaraGe“ im Leipziger Südwesten, um an der ersten regionalen Anschwung-Fachtagung teilzunehmen. Bunte Luftballons weisen den Weg hinein ins Industriedenkmal – unfertig wirkt der Bau trotz seines hohen Alters. Hohe, luftige Räume, viel Glas, Beton, eine offene Atmosphäre herrscht im Inneren. Der Verein Deutscher Ingenieure betreibt die „GaraGe“, hat hier Relikte vergangener Technologien gesammelt – Fernschreiber, erste Radioapparate, Druckmaschinen, frühe Computer, analoge Aufnahmetechnik. Jugendliche können hier forschen, basteln, den Fortschritt erfahren und selbst vorantreiben. „Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben“. Das Zitat des Wissenschaftlers Albert Einstein steht in großen geschwungenen Lettern an die Wand geschrieben. Direkt gegenüber Werbung für die erste Elektro-Schwalbe, ein Moped, außen retro, innen hochmodern, entwickelt von Jugendlichen.

Die „GaraGe“, das gemeinnützige „Technologiecentrum für Jugendliche“ ist so ein Raum, in dem es schwingt, und eben darum der passende Ort, um Erzieherinnen, Vertreter der Kommunen, der Landesregierung, Wissenschaftler und Ehrenamtliche für einen guten Dialog zusammen zu bringen. Alle sind auf unterschiedliche Weise besorgt um den Nachwuchs. Fast jeder von ihnen selbst Vater oder Mutter und schon allein deswegen vertraut mit der Problematik. Ihr Ziel an diesem Tag ist, möglichst nicht nur miteinander zu reden, sondern Lösungen zu finden für ein produktives Miteinander zum Wohle des Kindes.

Zum Wohle Emilias zum Beispiel. Sechs Wochen ist sie jung und schlummert mit offenem Mund an der Brust ihrer Mutter. Sanft schaukelt Sozialpädagogin Monika Beiel ihr Kind im Tragetuch, ihr Kinderwagen steht in der Ecke des großen Saales im Erdgeschoss. Die 29-Jährige ist eigens aus Berlin angereist. Die Freundin, Claudia Possekel, nimmt ebenfalls teil beim Anschwung-Treffen. Kennen gelernt haben sich beide beim Studium, erzählen sie. Sozialpädagogin Monika hat es später in die Hauptstadt verschlagen, wo sie inzwischen als Erzieherin arbeitet. Das Thema der Veranstaltung habe sie einfach sehr interessiert, sagt die junge Frau. Und: „Ich wollte zwischendurch auch mal wieder was anderes machen als nur Baby-Betreuung.“ Zumindest bis zur Mittagspause lässt sich Emilia auf den Wunsch der Mutter ein. Mit dem Kind im Arm spaziert Monika Beiel zwischen den kleinen Gesprächsrunden, dem sogenannten „World-Café“, hin und her. Wird der Arm zu schwer, döst Emilia im Arm der Freundin.

Schaukelt Claudia Possekel gerade keine Kinder, arbeitet die 35-Jährige als Koordinatorin eines Familienzentrums der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Hannover. Als eine Art Weiterbildung betrachten sie und ihre Freundin die Tagung, „als Kontaktbörse“, sagt Claudia Possekel. Ins Gespräch wolle sie kommen, nicht nur mit anderen Erzieherinnen, sondern auch mit Entscheidern aus den Kommunen, mit Wissenschaftlern. „Durch die offene, ungezwungene Atmosphäre fallen viele Barrieren im Kopf, die man vielleicht doch hätte, weil man gerade jemandem gegenüber sitzt, der beispielsweise für die Landesregierung arbeitet“, sagt die 35-Jährige. Sie interessiert sich für den Vergleich zwischen den Ländern, für Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Zusammenarbeit mit Eltern, weiß aber auch: „So eine Veranstaltung kann selten mehr als Impulse liefern.“

Impulse zu bekommen – auch Christine Reichel hofft darauf. In Dresden ist die 57-Jährige verantwortlich für das Qualitäts- und Projektmanagement der Eigenbetriebe Kindertageseinrichtungen. In Leipzig hält die zierliche Frau ein Schild hoch. „Initiative“ steht darauf geschrieben. Damit sticht sie aus der Menge hervor. Denn Christine Reichel gehört zu jenen, deren Einrichtung sich bereits vernetzen zu einer Initiative im Rahmen des Anschwung-Programms. Wichtig sei ihr, eine Antwort auf die Frage zu finden: „Welche Wege muss es geben, damit sich Eltern in den Kitas willkommen fühlen und unsere Fachkräfte nicht den Eindruck bekommen, von übervorsichtigen Erziehungsberechtigten kontrolliert zu werden.“ Man finde immer einen Ansatzpunkt, entscheidend sei vor allen Dingen, „den Eltern zu signalisieren: Wir folgen nicht stur irgendwelchen Konzepten, sondern interessieren uns für die individuelle Entwicklung ihres Kindes“. Ganz am Anfang stünde die Dresdner Initiative, ein gemeinsames Thema werde noch gesucht. „Aber ich bin zuversichtlich“, sagt Christine Reichel, „zumindest der Gedanke ist inzwischen vollzogen, dass wir nun ein gemeinsames Dach haben werden.“

Die Dresdnerin und ihre Mitstreiter sind damit diejenigen, die Arnfried Schlosser meint, wenn der Referatsleiter Kindertagesstätten im Sächsischen Staatsministerium für Kultus von Anschwung redet. Und dem Anliegen des Programms, den Gedanken des Mit- und Füreinanders weiterzugeben an Eltern und Kinder. Gerade an jene, die sich nicht als erste melden, wenn es um Frühförderung und zusätzliches Engagement in der Kita geht. Die beiden Wissenschaftler Katherine Bird und Wolfgang Hübner stellen ihre im Auftrag der AWO gefertigte Expertise vor. Sechs Formen elterlicher Armut identifizierten sie bei ihren Untersuchungen. Keine davon sei gleichzusetzen mit geistiger Armut, wie sie bei Begriffen wie „sozial schwach“ oder „bildungsfern“ mitschwinge. Eine vorurteilsfreie Herangehensweise sei vielmehr angemessen, keine allgemeinen, sondern spezifische, auf die Bedürfnisse der jeweiligen Gruppen zugeschnittene, möglichst niederschwellige Angebote.

Im anschließenden Workshop konkretisieren Bird und Hübner ihre Ergebnisse. „Man muss Selbstverständlichkeiten in Frage stellen“, sagt Wolfgang Hübner. „Denn ohne die Bereitschaft zum Konflikt gibt es keine Diskussion.“ Und damit auch keine Lösung. Der Kulturwissenschaftler erzählt den 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Workshops von schlecht gestalteten Schaufenstern eines Treffs: „Auf der einen Seite das Plakat mit dem Foto vom grimmig dreinblickenden Bereichsbeamten, der zum Infoabend einlädt und auf der anderen Seite eine Einladung an Eltern mit schwierigen Kindern in der Pubertät.“ So erreiche man seine Klientel wahrscheinlich nicht.

Inzwischen ist es Nachmittag und die Sonne scheint durch die hohen Fenster ins Gebäude. Nicht nur Bird und Hübner gehen in die Tiefe. Die Gruppe der Tagungsgäste teilt sich auf in insgesamt sieben Workshops. Sie diskutieren, beschriften bunte Karteikarten, berichten von Niederlagen und Erfolgen. Von der Zusammenarbeit mit einem Pflegeheim für Senioren zum Beispiel. Weil im Ort vor allem junge Familien zugezogen waren, mangelte es den Kindern an Erfahrungen, die nur Großeltern, Onkels oder Tanten weiter geben können. Man habe darum die Senioren um Zusammenarbeit gebeten, berichtet eine Teilnehmerin, wovon am Ende beide Seiten stark profitiert hätten.


Es kommen Fragen auf nach der Finanzierung, nach dem notwendigen Personalschlüssel, nach Weiterbildung und zusätzlichen Anforderungen an Erzieherinnen und Erzieher im Umgang mit den Eltern. Nicht auf alles wissen die Anwesenden eine Antwort. Manches bleibt ein Wunsch, eine Vision. Die sollen nicht verloren gehen, sondern hängen zum Tagungsabschluss bunt gemischt am Wunschbaum im Foyer. Viele sind es nicht. Kein schlechtes Zeichen – vielleicht wurden einfach alle Wünsche, zumindest an diesem Tag, erfüllt.


Weitere Infos zum Programm Anschwung für frühe Chancen finden Sie auf www.anschwung.de.


Wie kann man Kinder stärken? Diesen Fragen geht auch Vera Videoblog nach. Sie reist durch die Bildungsrepublik und hält Zukunfts- und Hirnforschern, Buchautoren, Tagesmüttern und Erziehern das Mikrofon unter die Nase - und hält die Antworten in kleinen Videos fest.


Von Christina Wittich
Foto: R. Herschler

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