Lübeck stellt die Systemfrage

23.04.2012/Lübeck - Gemeinsam Verantwortung für Bildung und Teilhabe übernehmen – darin hat die Hansestadt Lübeck mit ihrem Bildungsfonds viel Erfahrung. Doch wie übertragbar ist das Modell? Und wie können Kommunen auch dann einen solchen Prozess anstoßen, wenn sie nicht, wie in Lübeck, eine finanzkräftige Stiftung an ihrer Seite haben? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Konferenz „Bildungsfonds – Erfahrungen und Transfermöglichkeiten“ im Rahmen der Initiative Bündnisse für Chancengerechtigkeit in Lübeck.


Am Vormittag stellen die Lübecker ihren Bildungsfonds vor. In den Bildungsfonds zahlen die Kommune, das Land und mehrere Lübecker Stiftungen ein. Mit den Mitteln werden dann u. a. Sprachförderung, Arbeitsmaterialien oder Musik- und Sportangebote finanziert. Die Entscheidung über die Vergabe liegt nicht bei der Kommune, sondern den Bildungseinrichtungen selbst. Franz-Josef Scholz leitet die Grundschule Eichholz: „Vor dem Fonds haben wir uns wie Bettler gefühlt. Wir freuen uns, dass uns die Kommune jetzt vertraut und wir ein eigenes Konto führen dürfen. Und wir merken schon die ersten Erfolge: Die Schülerinnen und Schüler an unserer Schule sind zufriedener und auch ihre Leistungen haben sich verbessert.“ Ein Schwerpunkt des Fonds bildet mittlerweile die Förderung von stadtteilorientierten Schulnetzwerken. "Wir haben nicht geahnt, dass aus dem Bildungsfonds eine Systemfrage werden würde", resümiert Annette Borns, erste stellvertretende Bürgermeisterin und Senatorin für Bildung und Kultur in Lübeck.

Hier finden Sie einen Überblick über Struktur und Ansprechpartner des Lübecker Bildungsfonds.

 


Der Nachmittag der Konferenz steht ganz im Sinne des Transfers. Bevor Stiftungs- und kommunale Vertreter in die Arbeitsgruppen gehen, gibt Wilfried Lohre, Geschäftsführer des nationalen Stiftungsverbunds Lernen vor Ort, Impulse, welche Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken Bildungsfonds für die jeweiligen Akteure bedeuten können. Seine wichtigste Botschaft: „Bildungsfonds sind per se Kooperation, zwischen Kommune, Land und auch Stiftungen. Deshalb müssen die Akteure lernen, in Bündnissen zu arbeiten – und nichts fördert Kooperation mehr als Geld, über dessen Verwendung gemeinsam entschieden wird.“

Die Präsentation von Wilfried Lohre finden Sie hier.

In den Arbeitsgruppen wägen die Teilnehmenden Vor- und Nachteile eines Bildungsfonds für ihren eigenen Kontext ab. „Wir haben einige Stiftungen in unserem Landkreis, die sich zu einem Stiftungsverbund zusammengeschlossen haben. Parallel haben sie jetzt auch ein Bildungsnetzwerk gegründet. Eine Parallelstruktur wollen wir aber unbedingt vermeiden“, berichtet eine Teilnehmerin. Auch Hamburg hat eine lebendige Stiftungslandschaft. „Unsere Idee sind stadtteilorientierte Innovationsfonds. Auf regionalen Bildungskonferenzen entscheiden Bildungseinrichtungen, Verwaltungsmitarbeiter und Stiftungsvertreter gemeinsam über konkrete Anträge“, erläutert Dr. Hans-Peter de Lorent, Abteilungsleiter in der Hamburger Schulbehörde, die Pläne der Hansestadt. 

 


In der Stiftungsrunde steht die Rolle von Stiftungen in der Kooperation mit staatlichen Akteuren im Vordergrund. „Stiftungen stellen die Systemfrage. Sie stoßen Reformen an, geben thematische Impulse und können als Moderator zwischen verschiedenen Ebenen vermitteln. Ein Bildungsfonds ist zwar eine langfristige Struktur, die Aufgabe von Stiftungen ist es dann jedoch nicht, dauerhaft Mittel einzustellen, sondern als Motor für Veränderungen immer wieder zu hinterfragen, welche Handlungsfelder gerade am drängendsten sind“, fasst Mario Tibussek, Leiter der Initiative Bündnisse für Chancengerechtigkeit bei der DKJS, die Diskussion zusammen.

Die (unkommentierten) Ergebnisse der SWOT-Analyse aus den Workshops können Sie hier anschauen.

„Stiftungen können Themen und Projekte anstoßen. Die Aufgabe der Kommune ist es dann, die Regelfinanzierung zu sichern“, resümiert auch Dr. Michael Lübbersmann, Landrat im Landkreis Osnabrück, in der abschließenden Gesprächsrunde. Professor Weiß von der Universität Bremen appelliert an die Stiftungen, genau zu schauen, wo sie sich engagieren: „Stiftungen sollten nicht dort agieren, wo es die höchste Imagerendite gibt. Wichtiger ist, dass sie die Praxis einbeziehen und mit ihnen gemeinsam schauen, wo der größte Handlungsbedarf besteht.“

Die Präsentation von Prof. Dr. Wolfgang W. Weiß können Sie hier herunterladen.

Die Konferenz „Bildungsfonds – Erfahrungen und Transfermöglichkeiten“ war eine gemeinsame Veranstaltung der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und des nationalen Stiftungsverbunds Lernen vor Ort mit Unterstützung der Possehl-Stiftung. Die Initiative Bündnisse für Chancengerechtigkeit schafft mit ihren Veranstaltungen ein Forum, in dem sich Kommunen, Länder, Bund und zivilgesellschaftliche Kräfte über innovative Lösungen und Strategien für mehr Chancengerechtigkeit austauschen und voneinander lernen können.

 

Lieber hören als lesen? Ein Audiofeature zum Lübecker Bildungsfonds finden Sie hier.

 

Foto: DKJS

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