"Wir haben nach wie vor eine Vererbung von Bildungschancen"

15.03.2012/Potsdam - Andreas Hilliger, Leiter der Abteilung Kinder, Jugend, Sport, Schulträgerangelegenheiten und Weiterbildung im Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg (MBJS), spricht im Interview über die Kooperation zwischen Kommunen und Ländern für mehr Chancengerechtigkeit.

In Brandenburg haben Land und Kommunen eine gemeinsame Erklärung zur Förderung von Kindern aus Familien mit geringem Einkommen unterzeichnet. Wie unterstützt Ihr Ministerium die Kommunen dabei, Bildung und Teilhabe zu sichern?

Konkret auf das Bildungs- und Teilhabepaket bezogen, liegt die gesetzliche Verantwortung eindeutig in der Umsetzung bei den Kommunen. Da können wir nicht viel machen. Im Zusammenhang mit dem Gesamtthema Chancengerechtigkeit und Bildung und Teilhabe ist natürlich die Unterstützung durch den Landesjugendplan zu nennen. Durch das 510-Stellen-Programm wird außerdem ein Großteil der Stellen - nämlich 172 – finanziert, von denen Sozialarbeit an Schulen realisiert wird. Und natürlich ist auch der gesamte Bereich der Schule zu benennen, wo das Ziel ist, Bildung und Chancengerechtigkeit zu verwirklichen.


Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Ländern und Kommunen?


Es gibt die Kooperation zwischen kommunalen Institutionen, beispielsweise dem Jugendamt, und den Landesinstitutionen wie dem Schulamt. Die ist ganz wichtig, um sich auf der Ebene derjenigen, die für das System verantwortlich sind, zu verständigen, was man jeweils leisten kann, wo die Grenzen sind und was die Erwartungen an den jeweils anderen sind. Es gibt dabei schöne Beispiele, wo gut aufeinander bezogen agiert wird. Es gibt aber auch Fälle, in denen das Schulamt und das Jugendamt relativ große Distanz zueinander haben. Wir können noch etwas tun, um diese Zusammenarbeit zu verbessern, da bin ich sicher.


Die Zuständigkeit für die praktische Umsetzung des Bildungs- und Teilhabepakets liegt bei den Landkreisen und den kreisfreien Städten. Was würden Sie den Kommunen empfehlen, damit sie die Eltern besser erreichen?

Ich persönlich finde die Diskussion darüber, dass der Erfolg sich daran misst, wie hoch die Quote der Nutzung ist, insbesondere in der Lernförderung, etwas schräg. Das weckt den Eindruck, alle Arbeitslosengeld-II-Empfänger hätten schlechte Schulleistungen. Diese Annahme ist aber nicht begründet. Die Frage ist doch eher, ob die Kinder, die erhebliche Lernförderung bräuchten, auch tatsächlich erreicht werden. Das ist eine Sache, wo im Wesentlichen die Schule und die Lehrer gefragt sind. Wenn sie wissen, dass ein Kind zu den Förderfällen gehört, sollten sie mit den Eltern reden und sagen: ‚Wir hätten die Möglichkeit euch zu unterstützen‘. Der zweite Punkt ist, dass die Jugendämter, soweit sie mit den Eltern Kontakt haben, konkret nachfragen sollten: ‚Wie sieht es bei ihrem Kind in der Schule aus, braucht das Unterstützung und können wir Ihnen im Rahmen von SGBII-Leistungen dabei helfen‘.


Sie haben in ihrem Vortrag die Meinung geäußert, dass beim Bildungs- und Teilhabepaket noch viel Nachbesserungsbedarf besteht. Was muss sich ändern?

Das Paket muss grundsätzlich in seiner Struktur verändert werden, diese ganz kleinteilige Billigung von marginalen Beträgen. Hier ist der Aufwand höher als der Nutzen. Es ist unsinnig, bestimmte Leistungen, die bei allen Kindern anfallen, also zum Beispiel der Beitrag für Mittagessen oder die Kosten für eintägige Schulausflüge einzeln abzurechnen, die müssten in den Regelsatz eingerechnet werden. Zweitens müsste das Verhältnis von der individuellen Unterstützung der Kinder und der institutionellen Unterstützung anders gestaltet sein. Das Geld was da kleinteilig und mit hohem bürokratischem Aufwand verteilt wird, müsste man bündeln und Stellen schaffen – zum Beispiel für Sozialarbeiter oder sozialpädagogische Unterstützung in der Schule. Das wäre viel vernünftiger als so ein bürokratisches Monster.


Wie können sie als Land die Kommunen dabei unterstützen, Bildung und Teilhabe bzw. Chancengerechtigkeit insgesamt zu verbessern?

Das Zusammenwirken der kommunalverantworteten und der landesverantworteten Systeme sollte auf jeden Fall verbessert werden - mit Blick darauf, dass wir eine Gruppe von 10 bis 20 Prozent von Kindern haben, die nicht mit ausreichenden Basiskompetenzen ausgestatten werden, um einen Berufseinstieg zu schaffen. Das zentrale Problem ist ja, dass wir nach wie vor eine Vererbung von Bildungschancen haben und damit auch eine Vererbung des Fehlens von Bildungschancen. Da muss ein stärker integriertes Herangehen sein.

Im Einzelnen kann hierfür auch das Bildungs- und Teilhabepaket verwendet werden.  Aber das setzt rechtlich gar keine Fantasie frei. Das ist gar kein Vorwurf an die Kommunen, sondern ein Vorwurf an denjenigen, der dieses Gesetz konstruiert hat. Ich denke dabei an Dinge, die vielleicht einem Kind und seiner Familie sehr helfen würden, aber im Moment nicht im Regelkatalog sind. Ich kann zum Beispiel einem Kind zwar den Sportverein finanzieren, aber wenn ein Junge vielleicht eine naturwissenschaftliche Zeitschrift lesen will, kann ich die nicht abonnieren, das gehört nicht dazu. Das ist doch absurd. Sinnvoller wäre ein Pauschbetrag, den Eltern nutzen können. Da gibt es natürlich die Diskussion über den Missbrauch. Aber es ist nicht gerecht, diesen Eltern generell mit dem Vorwurf zu begegnen, sie wären nicht daran interessiert, die Bildung ihrer Kinder sicher zustellen. Die gibt es und die müssen möglicherweise in der Hilfe anders berücksichtigt werden, aber der Generalverdacht ist eine Entmutigung der Eltern.

Das Interview führte Anne Holbach.


Das Interview ist auf der Konferenz "Zielgruppen erreichen - Bildung und Teilhabe sichern" im Rahmen der Initiative Bündnisse für Chancengerechtigkeit entstanden. Die Dokumentation der Veranstaltung in Potsdam finden Sie hier.


Das Interview mit Andrea Hähnlein und Sabine Leinweber zu Bildungssozialarbeit finden Sie hier.




Foto: Thorsten Seite



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